Dienstag, 16. Juli 2019
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Der Angeklagte wird von Justizvollzugsbeamten in Handschellen vorgeführt. Vors Gesicht hält er sich ein weißes Blatt Papier. (Foto: mediendenk).
Messerattacke auf Nachbarsbuben

Prozess um Mordversuch eines FlĂŒchtlings

Ein zwölfjĂ€hriger SchĂŒler aus Vilshofen leidet seit vergangenen Sommer an AlbtrĂ€umen und Konzentrationsstörungen, befindet sich in der Behandlung von Kinderpsychologen. Der Anblick eines Messers oder eines dunkelhĂ€utigen Menschen löst bei ihm Schock und AngstzustĂ€nde aus. Er ist der Leidtragende eines Dramas, das sich im vergangen Sommer abspielte und jetzt vor dem Landgericht in Passau verhandelt wird. 

Ein Schwarzafrikaner aus Eritrea, 26 Jahre alt, der als FlĂŒchtling eine Mansardenwohnung ĂŒber der Wohnung seiner Eltern bezogen hatte, hatte ihn im Juli 2018 mit einem Messer angegriffen und tiefe Schnittwunden an Hals, Armen und Beinen zugefĂŒgt, die operiert werden mussten. Die Tat spielte sich im Wohnzimmer ab, nachdem der Angreifer sich durch die TĂŒr gedrĂ€ngt hatte und im Flur ein Brotzeitmesser aus seiner GesĂ€ĂŸtasche zog. Er drĂŒckte den Buben zu Boden und versetzte ihm Schnitte. Der Angriff sollte offenbar ursprĂŒnglich dessen Mutter gelten, die nicht Zuhause war.

Die Staatsanwaltschaft hat Anklage wegen versuchten Mordes erhoben. Heute war Prozessauftakt.

Der Bub konnte sich befreien, als sein kleiner Mischlingshund den TĂ€ter in den Fuß biss; auf der Flucht durchs Treppenhaus ins Freie war der SchĂŒler aus dem T-Shirt geschlĂŒpft, um dem erneuten Zugriff des Verfolgers zu entkommen, der ihn eingeholt hatte.

Zum Motiv gibt es eine etwas verworrene Geschichte. Es geht um ein Nacktvideo, das der Afrikaner nach eigenen Aussagen von sich selbst mit dem Handy gemacht und gelöscht hatte. Er war der Überzeugung, dass das kompromittierende Material ĂŒber Facebook ins Internet gelangt sei. Die Mutter des Buben, die ihm bei Asylangelegenheiten half, soll ihn einmal gefragt haben, ob er Probleme mit dem Handy habe. Sie bestreitet das, auf Nachfrage des Richters.  Er bildete sich ein, sie habe sein Nacktvideo im Netz gesehen und wollte sich rĂ€chen. Einmal hatten die Kinder zum Versteckspiel eine Drahtlos-Kamera fĂŒrs Handy in einen Turnschuh versteckt. Er entdeckte das rot blinkende Licht, fĂŒhlte sich ausspioniert und wollte die Polizei holen.

Ein psychiatrisches Gutachten soll klĂ€ren, ob der Angeklagte unter Verfolgungswahn leidet. „Stimmt es, dass der Teufel mit ihm redet?“, fragte der Vorsitzende Richter den Dolmetscher. Der Angeklagte verneinte. In einem Verhör hatte er angeblich den Angriff auf den Buben damit erklĂ€rt, dass er Stimmen vernommen habe.

Der Prozess wird bis Anfang Juni gehen. Dreizehn Zeugen werden vernommen, zwei SachverstĂ€ndige. Der Bub wird wahrscheinlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit noch einmal angehört werden. Er kann wegen der seelischen Störungen sich nicht konzentrieren, wacht mit Schreien auf, zieht manchmal ins Bett der Eltern um, kann die Schule nicht besuchen. Selbst die Freude am Fußballspiel, seine Leidenschaft, habe er verloren, berichtet die Mutter.

Die Familie musste nach dem Drama umziehen, da dem Kind ein Aufenthalt am Tatort nicht zuzumuten war. Sie selbst sind mit einer eritrĂ€ischen Familie, die ebenfalls zwei Söhne hat und im Erdgeschoss wohnt, befreundet. Die Kinder spielten gemeinsam Fußball und man organisierte gemeinsame Grillabende, erzĂ€hlt die Mutter von der Zeit vor der Tat. Der Angeklagte ist erst spĂ€ter eingezogen.

Als das Verbrechen geschah, waren die beiden Familien auf Einkaufsfahrt. Nur der jĂŒngste Sohn, der sich Zuhause mit Videospielen beschĂ€ftigen wollte, und die ertrĂ€ische Mutter im Erdgeschoss, die das Essen vorbereitete, war nicht mitgekommen. Die beiden waren in dem abgelegenen Mehrfamilienhaus an der Bundesstraße 8 mit dem Mansardenbewohner allein im Haus. Die eritrĂ€ische Mutter sah irgendwann durch die GlastĂŒr ihrer KĂŒche, wie der Landsmann den blutĂŒberströmten Bub umklammernd die Treppe herunterkam; sie verbarg sich aus Angst und alarmierte per Handy ihren Mann. Der verletzte Bub war auf die Bundesstraße 8 gelaufen und hatte Autofahrer angehalten, ihm zu helfen.

Der TĂ€ter flĂŒchtete barfuß in die Stadt, ließ sich zwei Kilometer vom Tatort entfernt in der Vilshofener Innenstadt widerstandslos festnehmen. Als er die Polizeistreife erblickte, habe er unaufgefordert das Messer aus der Hosentasche geholt, es abgelegt und die Arme ausgebreitet, schilderte eine Polizeibeamtin im Zeugenstand die Szene der Festnahme.

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Ein wichtiger Nachtrag in eigener Sache

Meine Berichterstattung ĂŒber diesen Fall ist in der Vergangenheit im Netz dazu missbraucht worden, gegen Farbige und FlĂŒchtlinge zu hetzen.

Die Debatte ĂŒber strengere Urhebergesetze im Netz war damals noch nicht angestoßen, aber das, was jetzt mit dem negativ besetzten Begriff Uploadfilter kritisiert wird, hĂ€tte ich mir sehnlichst gewĂŒnscht.

Propagandaseiten, welche AnhĂ€nger oder Mitglieder der Partei "Alternative fĂŒr Deutschland" betreiben, hatten mein Bild- und Textmaterial geklaut, auf YouTube hochgeladen und dort rechtspopulistisch eingefĂ€rbt.

Meine Strafanzeigen waren erfolglos, weil die deutsche Justiz auf Server in fremden LĂ€ndern keinen Zugriff hat; erfolgreich war mein Antrag bei den YouTube-Verantwortlichen, den Nutzer, der gegen Urheberrechte verstossen und mein Material missbraucht hatte, zu löschen. Ärgerliche Weise tauchte das Video dann an anderer Stelle unter einem neuen Nutzernamen wieder auf und das Spiel ging von vorne los.

Die Familie des Opfers war damals ĂŒber die hetzerische Verwertung des Falls im Internet entsetzt und besorgt, zumal auch ihr Sohn, der betroffene SchĂŒler damit konfrontiert worden ist.

Die Hetzer im Netz sollten darĂŒber nachdenken, dass sie nicht nur denen schaden, welche das Ziel ihres Hasses sind, sondern auch denjenigen, in deren Sinne sie glauben Hass verbreiten zu mĂŒssen.

Hubert Jakob Denk

 



 

 
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