Mittwoch, 23. Oktober 2019
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Früchte vom Afghanen. Im Bratfischwinkel eröffnete Sayyed Ahmadzai einen „Tante-Emma-Laden“. Von Zitronen bis Zahnpasta. (Foto: Tobias Köhler)
Tante-Emma aus dem Orient

ZurĂŒck in die Zukunft

Die Stadt gewinnt verlorene Strukturen zurĂŒck. HĂ€ndler und Handwerker um die Ecke siedeln sich wieder an: unsere NeubĂŒrger.

Die Kundin war eigentlich nur gekommen, um zwei TĂŒtchen geröstete Sesamkörner zu kaufen.  Sie wird den Laden mit zwei zusĂ€tzlichen PapiertĂŒten verlassen, die eine gefĂŒllt mit in Safran geröstete Pistazien, die andere mit afghanischen Mandeln. „Die schmecken viel sĂŒĂŸer als gewöhnliche Mandeln“, schwĂ€rmt sie nach der Kostprobe.  Der Einkauf von Andrea Link, einer 51-jĂ€hrigen ModeverkĂ€uferin aus der Nachbarschaft, hĂ€tte wahrscheinlich nur fĂŒnf Minuten gedauert, aber er zieht sich lĂ€nger als eine Viertelstunde hin.

Sie kommt ins GesprĂ€ch mit dem Inhaber des kleinen Lebensmittelladens im Bratfischwinkel. Sie lĂ€sst sich auf sein Angebot ein, hier und da zu probieren. Der junge HĂ€ndler, dunkler Hauttyp, gepflegter, schwarzer Vollbart, weißes Hemd und lustige Augen, heißt Sayyed Ahmadzai. Er stammt aus Afghanistan, ein 22-jĂ€hriger FlĂŒchtling, den es diesen Sommer von Aachen nach Passau verschlagen hat. „Es hat sich herumgesprochen, dass es bei ihnen sauber und ordentlich ist und sie sehr gut deutsch sprechen“, hatte Link, die Kundin aus der Modebranche, den afghanischen LebensmittelhĂ€ndler gelobt. Sie erzĂ€hlt ihm, wie wichtig das sei, von der Pingelkeit der Deutschen, dass sie selbst solche LĂ€den manchmal nicht betreten möchte, „weil es so komisch riecht.“ Er steigt so fort darauf ein. „Sie dĂŒrfen offen sagen, wenn es bei mir was zu kritisieren gibt“, sagt er. Sie blickt sich um und zeigt auf die KĂŒhltheke, die leer und unbenutzt im hinteren Teil des Ladens steht.

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Die Preisschilder sind zweisprachig und handgeschrieben, viele Produkte in keinem deutschen Supermarkt erhĂ€ltlich: FlĂ€schchen mit Safran aus Afghanistan zu ungewöhnlich gĂŒnstigen Preis. (Foto: Tobias Köhler)
Ahmadzai hat sie offenbar gebraucht gekauft, denn auf der Außenseite einer Wange blĂ€ttert der Lack ab. Ein optischer Makel. „Wenn unser eins das sieht, denkt man gleich, diese KĂŒhltruhe ist vielleicht nicht funktionstĂŒchtig“, erklĂ€rt sie ihm. „Sehen Sie, darauf hĂ€tte ich ĂŒberhaupt nicht geachtet“, bedankt sich Ahmadzai fĂŒr den Tipp. Er werde das neu lackieren. Wer den beiden zuhört, wĂ€hnt sich in einem Integrationstraining: die deutsche Kundin und der orientalische HĂ€ndler, was können wir voneinander lernen? Das „GrĂŒĂŸ Gott!“ geht dem muslimischen jungen Mann wie selbstverstĂ€ndlich ĂŒber die Lippen, wenn neue Kundschaft eintritt.   

Eine Frau um die 70, weiße Leggings, weiße Bluse, rote Schuhe, hat sich aus den Obstkisten vor der TĂŒr ein besonders schönes Exemplar der Zitronen ausgesucht. „Heute mal kein Großeinkauf“, kommentiert sie sich selbst, als wollte sie den Umstand entschuldigen, dass sie ihn wegen der einzelnen Frucht an die Kasse bitten muss.  â€žDas ist doch kein Problem“, sagt er im galanten Ton und nennt ihr den Preis, 35 Cent. „Haben Sie es auch klein?“

DIE NEUE „TANTE EMMA“ KOMMT AUS DEM ORIENT

FĂŒr die Bewohner im Neumarkt zeigt sich in AnsĂ€tzen etwas, was an das Stadtbild lĂ€ngst vergangener Zeiten erinnert. Plötzlich gibt es wie der den EinzelhĂ€ndler um die Ecke, bei dem sich  die Rentnerin schnell eine Banane kaufen kann;  einen ZuckerwarenverkĂ€ufer im Viertel, bei  dem sich der Student Samstagabend in letzter  Minute BlĂ€tterteigtaschen fĂŒrs SonntagsfrĂŒhstĂŒck holen kann; einen Schneider im Stadtteil, der sich eines losen Knopfes annimmt, ein zerrissenes Hemd wieder flickt. Es sind die NeubĂŒrger, die zugewanderten FlĂŒchtlinge, die solche neuen Infrakstrukturen wachsen lassen.

Der nĂ€chste Kunde ist ein Auslandsstudent, ebenfalls ein orientalischer Typ. Ein Landsmann des Inhabers ist er nicht, denn sie unterhalten sich auf Deutsch. Er möchte „etwas SĂŒĂŸes, aber nicht zu sĂŒĂŸ, etwas Knuspriges“. Er schaut sich ratlos um. „Das hier sind unsere meistgekauften Kekse“, greift Ahdmadzai eine Packung aus dem mittleren Regal. Der junge Mann zeigt sich zufrieden und fĂ€hrt fort: „Dazu vielleicht noch etwas Weiches.“ „Ich verstehe, was Du meinst“, antwortet Ahdmadzai als könne er Gedanken lesen und fĂŒhrt ihn zu seinem Sortiment mit getrockneten Maulbeeren und Pflaumen.

Der Reporter stellt sich diese Szene in einem Discounter vor. Man wĂŒrde einer Angestellten, die vielleicht gerade im Gang die Regale einrĂ€umt, mit der Bitte belegen: „Ich hĂ€tte heute Lust auf etwas SĂŒĂŸes, aber nicht zu sĂŒĂŸ; etwas Knuspriges und etwas Weiches sollte es sein. Was könnten Sie mir denn empfehlen?“ Die VerkĂ€uferin wĂŒrde ihm wahrscheinlich innerlich den Vogel zeigen, ihn nicht ernstnehmen. Danach gefragt, wie seine Kundschaft sich aufteile, antwortet der junge Afghane „Einheimische und Landsleute je zur HĂ€lfte“. Nach drei Monaten ist er davon ĂŒberzeugt, dass sein Ladenkonzept funktioniert, ja ausbaufĂ€hig ist. Er zeigt auf die leere KĂŒhltheke im hinteren Raum, die mit den beschĂ€digten Wangen. Hier werde er bald frisches Fleisch anbieten.

Den Zusatz „natĂŒrlich kein Schweinefleisch“ kann er sich nicht verkneifen. FĂŒr den Reporter ist es ein merkwĂŒrdiges GefĂŒhl in diesem Raum zu stehen. Es ist der Laden seiner Kindheit, hier hatten seine Eltern eine BĂ€ckerei. Jetzt ist es ein vertrauter Ort mit fremdartigen Lebensmitteln. Weiches Fladenbrot statt knusprige Brezen, WĂŒrfel aus Sesambrei statt Nussecken, roter indischer KĂŒrbissaft in Kunststoffflaschen statt Caprisonne, das gezuckerte OrangengetrĂ€nk aus der TĂŒte. Dieser Laden ist eine Mischung aus „Tante Emma-Laden“, Ahmadzai kennt ĂŒbrigens den Begriff, und neuem „Unverpackt-Laden“, sein Angebot eine Mischung aus Orient und Wochenmarkt. Ingwerknollen so groß wie HandflĂ€chen, rotbackige Äpfel, leuchtend grĂŒne Limetten. „Jetzt brauchst du nicht immer bis zum Supermarkt gehen“, sagt der Reporter spĂ€ter zu seiner 87-jĂ€hrigen Mutter. Von der Zahnpasta bis zu den Zwiebeln hat sie jetzt alles wieder vor der HaustĂŒre.

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SĂŒĂŸes vom Syrer.Rechtsanwalt Kamal Saba Allil, 52, begann ein neues Leben als KonditoreiwarenhĂ€ndler. (Foto: Tobias Köhler)
Ein weiterer orientalischer Laden befindet sich fast in Sichtweite entfernt, am unteren Ende des Bratfischwinkels, gegenĂŒber in der Frauengasse.  Es ist ein winziger Gewölberaum, der fĂŒr den schwierigen Neuanfang einer wahrscheinlich einst wohlhabenden syrischen Familie steht; er Anwalt, sie Ärztin, drei Kinder im Ausbildungsalter; das Schicksal der Eltern, beruflich zurĂŒck geworfen zu sein auf die Stunde Null. Der 52-jĂ€hrige Rechtsanwalt Kamal Saba Allil aus der syrischen Hafenstadt Latakia hat sich vor vier Jahren mit seinem Ă€ltesten Sohn auf den Weg ĂŒbers Meer gemacht. Der 22-JĂ€hrige Hicham erinnert sich: „Nach sieben Tagen hat uns die Besatzung eines Frachters an Bord genommen.“ Sie waren 450 FlĂŒchtlinge in einem 23 Meter langen, hölzernen Fischerboot. Heute steht Hicham hinter der Ladentheke. In glĂ€sernen Vitrinen tĂŒrmen sich Pyramiden von knusprig braunen Hörnchen und BlĂ€tterteigtaschen, gefĂŒllt mit WalnĂŒssen und Mandeln, bestreut mit grĂŒnen Pistaziensplittern.

„Syrische SĂŒĂŸigkeiten“ steht auf dem lila Werbeschild. Das Angebot sei Ă€hnlich dem Naschwerk in der TĂŒrkei. „Nur mit weniger Zuckerwasser“, preist der Junior die Ware an.  Sein Vater betreibt das in der FußgĂ€ngerzone etwas abgelegene GeschĂ€ft seit fast einem Jahr. Es ist werktags von 9 bis 20 Uhr geöffnet. Hicham erzĂ€hlt, er sei heute ausnahmsweise wegen eines Notfalls eingesprungen. Der Vater musste ĂŒberraschend die Mutter ins Krankenhaus begleiten. Sein Arbeitgeber habe ihm sofort frei gegeben. Hicham lĂ€sst sich bei einem großen Softwarehaus, das offenbar auch auf Migranten setzt, zum Fachinformatiker ausbilden. „Wir sind jetzt sieben Syrer und Afghanen.“ FĂŒr seine Eltern sind die grĂ¶ĂŸten Herausforderungen die Deutschkurse, wieder die Schulbank drĂŒcken zu mĂŒssen, aber mehr noch, das Leben umzukrempeln.

FĂŒr den Vater ist sein syrisches Rechtswissen ein totes Kapital; er entdeckte seine Leidenschaft fĂŒrs Kochen und verdingt sich nun eben als SĂŒĂŸwarenhĂ€ndler. Die Mutter, eine ZahnĂ€rztin, kann ihren Beruf nicht mehr ausĂŒben. FĂŒr die deutsche Zulassung sind die HĂŒrden zu hoch. Die Kurse und GebĂŒhren wĂŒrden sich auf einen mittleren fĂŒnfstelligen Betrag summieren. FĂŒr sie ist es wahrscheinlich am schwierigsten, eine neue ErfĂŒllung außerhalb ihres bisherigen Berufes zu finden. Sie werde nach dem Sprachkurs im Laden mithelfen, wird spĂ€ter ihr Mann berichten. Der neue syrische Schneider im Neumarkt ist im Gegensatz zum afghanischen LebensmittelhĂ€ndler ein eher zurĂŒckhaltender, schweigsamer Mann.

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LĂ€ssig mit Flipflops. „Bei uns stellt man als Einladung einen Stuhl vor den Laden“, erklĂ€rt Schneider Badawi. Das kommt jedenfalls sympathischer als Werbeaufsteller, die nur im Weg stehen. (Foto: Tobias Köhler)
Er heißt Hussam Badawi, muss eine Frau und drei Kindern im Alter von 13 bis 15 Jahren ernĂ€hren. VerstĂ€ndigungsprobleme ĂŒberspielt er mit einem LĂ€cheln. Er stammt aus Damaskus, wo er sein Handwerk in einer Großschneiderei gelernt hat.  Bei ihm kann man lernen: Ein guter Neuanfang beginnt mit Improvisation und Bescheidenheit. Mit Zehenschuhen und blau- weiß-schwarz kariertem Hemd, ein knallblaues Maßband umgehĂ€ngt, steht der 42-JĂ€hrige im Oberen Sand am BĂŒgelbrett und plĂ€ttet WĂ€sche. Der Fotograf bittet ihn, sich fĂŒr ein Foto an die NĂ€hmaschine zu setzen. Keine deutsche „Singer“, ein gĂŒnstiges chinesisches Modell. Ein altes Kofferradio steht im Regal, ein HeizlĂŒfter in der Ecke; die Vorhangstange fĂŒr die Umkleide ist montiert, der Vorhang fehlt noch.

 â€žDie AuftrĂ€ge dĂŒrften etwas mehr sein“, deutet Badawi an. Ein Dutzend KleidungsstĂŒcke hĂ€ngen abholbereit an einem rollbaren KleiderstĂ€nder. In diesem Moment kommt Fabian, ein 26-jĂ€hriger Staatswissenschaftsstudent, mit einer großen TĂŒte herein. Er zieht einen Stoff nach dem anderen heraus: ein Hemd, das er sich am Ellbogen zerrissen hat; BettwĂ€sche, an der Knöpfe fehlen, ein aufgerissener Saum. „Kann man das noch reparieren, wissen Sie was es kostet?“ „Schreiben Sie mir Ihre Telefonnummer auf, dann ruf ich sie vorher an“, sagt der Schneider und holt einen Notizblock. Badawi ist Anfang 2016 als FlĂŒchtling ĂŒber Griechenland gekommen. Drei Monate Asyl- bewerberheim in Landshut, dann Passau. „Das Integrationsteam im Passauer Rathaus hat mir sehr geholfen“, lobt er. Bei der Wohnungssuche, auf dem Weg in die SelbststĂ€ndigkeit. Vor einem Jahr durfte er seine Familie nachholen.  Seine zwei Söhne besuchen das Gymnasium in FĂŒrstenzell, haben zusĂ€tzliche Deutschkurse am Nachmittag.

„Die Sprache ist wichtig, das ist meiner Familie bewusst“, sagt der Syrer. Seine Frau konzentriere sich derzeit auch auf ihren Deutschkurs. Zum Schluss stellt Baldawi dem Reporter eine Frage: Ob es denn tatsĂ€chlich so sei, dass der Schneiderberuf in diesem Land ein reiner Frauenberuf ist? Es fallen ihm in Passau nur Frauen ein: Die Schneiderin in der Theresienstraße, die irgendwann in den Ruhestand gehen will, die Schneiderin am Kleinen Exerzierplatz, die sich neu orientiert hat, die Schneiderin im Unteren Sand, die nach 23 Jahren aus gesundheitlichen GrĂŒnden im Juli aufgehört hat.  Die neuen HĂ€ndler und Handwerker im Neumarkt erleben offenbar wohlwollenden Zuspruch. „Wir haben sie zum Gassentreffen ein- geladen, sie gehören selbstverstĂ€ndlich dazu“, sagt Elisabeth Salwiczek, die neue Leiterin vom „Citymarketing Passau“, dem Verein der GeschĂ€ftleute. 

„SIE ZAHLEN DOCH SOWIESO KEINE STEUERN!“

Zynische Bemerkungen und Anfeindungen sind selten, aber es gibt sie natĂŒrlich. Denn die Falschnachrichten ĂŒber FlĂŒchtlinge im Netz zeigen bei bestimmten BĂŒrgern ihre Wirkung. Der Afghane vom Bratfischwinkel erzĂ€hlt von einem solchen Fall. Als eine Kundin an der Kasse beobachtete, dass er sich den Warenausgang auf einen Zettel notiert, erhielt er die spitze Bemerkung: „Warum machen Sie das eigentlich?  Sie zahlen doch sowieso keine Steuern!“ Anfangs habe er gedacht, sie meine es scherzhaft, aber auf Nachfrage stellte sich heraus, sie meinte es bitterernst. „Die glaubte tatsĂ€chlich, dass ich als FlĂŒchtling 2000 Euro einfach so auf die Hand bekomme“, sagt Ahmadzai. Er ist ein gewandter Redner, gibt sich MĂŒhe, Vorurteile auszurĂ€umen.

Aber manchmal stĂ¶ĂŸt selbst er an seine Grenzen. Vor der TĂŒr des Schneiderbetriebs, eine Zigarette rauchend, hat Jodat, ein 23-jĂ€hriger Landsmann, das GesprĂ€ch mit dem Reporter verfolgt.  Er bietet sich als Dolmetscher an, stammt ebenfalls aus Damaskus. „FĂŒr unsere Eltern ist es viel schwieriger, eine neue Sprache zu erlernen“, gibt er zu Bedenken. Er selbst habe nach dem Abschluss seiner Sprachqualifikation ein klares Ziel vor Augen: Er will sich eine Ausbildung als Zahntechniker suchen.

Hoch motiviert sind diese NeubĂŒrger anscheinend alle. Allil, der syrische SĂŒĂŸwarenhĂ€ndler, will sich vergrĂ¶ĂŸern, eine bessere GeschĂ€ftslage finden. Er verhandelt gerade mit dem Einkaufszentrum am ZOB. Badawi, der Schneider, setzt auf Mundpropaganda und die sozialen Netzwerke. Über Facebook habe er schon 400 Kontakte gesammelt, berichtet er stolz. An einer eigenen Netzseite werde gearbeitet.  Der Tante-Emma-Laden-Mann schaut hinĂŒber zum leerstehenden Laden auf der anderen Gassenseite. „Dort drĂŒben wĂ€re Platz, Obst, Fleisch und GemĂŒse auszulagern“, denkt er laut ĂŒber Expansion nach. Denn in seinem Gewölbe wird es langsam eng.  Orientalische Kaufleute wie er bauen sich abseits der etablierten GroßhĂ€ndler eigene Lieferantennetzwerke auf, kalkulieren ohne Vorgabe ihre Preise. „Meine Lieferanten sitzen in Salzburg und Wien, in MĂŒnchen und Hamburg“, berichtet er auf Nachfrage.

„BITTE OHNE PLASTIK, WIR WOLLEN DIE WELT RETTEN!“

GewöhnungsbedĂŒrftig ist die Dekoration der neuen HĂ€ndler. Es ist oft bunt, blinkt und wirkt fĂŒr unseren Geschmack eher billig und kitschig. „Auch ĂŒber diese Befindlichkeiten muss man offen reden“, sagt Ahmadzai. Das „Unverpackt“-Regal mit den PlexiglasbehĂ€ltern und Klappen haben Freunde ihm in Heimarbeit gebastelt. Man sieht das, denn manche Scharniere sind locker und die Klappen ungenau gesĂ€gt.  â€žIch weiß, das muss perfekter werden“, sagte er verstĂ€ndnisvoll. Die Kontrolleure vom Rathaus hĂ€tten es auch schon reklamiert.

„Die Umwelt ist uns wichtig“, steht auf Ahmadzais Visitenkarte. Sie zeigt schĂŒtzende HĂ€nde ĂŒber dem blauen Planeten. „Am liebsten wĂ€ren mir Kunden, die zum AbfĂŒllen selbst ihre BehĂ€lter mitbringen“, sagt er. Der Reporter wird zufĂ€llig Zeuge des Telefonats einer Warenbestellung, das den Anspruch des jungen Afghanen belegt. „... und Kardamon, gemahlen und ungemahlen, je zehn Kilo. ...Ja bitte, die ohne Plastik Verpackten wĂ€ren mir lieber. Wir wollen doch die Welt retten!“  â€žWenn wir so weitermachen wie bisher, dann werden die nĂ€chsten Generationen unser Leben nicht fĂŒhren können“, ist er sich sicher. Deshalb möchte er etwas bewegen, in die Politik gehen. „Das Konservative gefĂ€llt mir nicht“, sagt er. Und: „Wer Bayern konservativ nennt, der kennt Afghanistan nicht. Konservativer geht es nicht“. Nach seiner Ankunft vor fĂŒnf Jahren in Deutschland hatte er in Aachen das Abitur nachgeholt. UrsprĂŒnglich sei er nach Passau gekommen, um Politikwissenschaften zu studieren.

Dann kam etwas dazwischen und er entdeckte die Freude am Kaufmannsleben. Klar, auch in seinem Laden gibt es viele Produkte mit Plastikverpackungen, darum kommen auch die Bio-SupermĂ€rkte nicht herum. Aber er hat fĂŒr seinen Laden weitere Ideen: Offene Oliven, damit man sie vorher probieren kann. „Die Anregung kam von einer Kundin.“ Der „orientalische Laden“ im Bratfischwinkel erinnert die Ă€ltere Generation an die verlorene Vielfalt in diesem Straßenviertel. Da gab es im  unteren Teil einen Obst- und GemĂŒseladen;  gegenĂŒber einen Gemischtwarenladen mit Kaffeerösterei, letztere wird noch betrieben; einen EisenwarenhĂ€ndler, der Schrauben und NĂ€gel  fĂŒr jeden Bedarf, sortiert nach GrĂ¶ĂŸen in hunderten Schachteln offen anbot; eine BĂŒrstenhĂ€ndlerin, die vom Dachshaarrasierpinsel bis  zum Rosshaarbesen alle Arten von Borsten im  Sortiment hatte; um die Ecke in der Großen  Klingergasse hatte die Mutter des FotokĂŒnstlers  Rudolf Klaffenböck ihren Lebensmittelladen, wo die Kunden frische Milch in mitgebrachte Blechkannen abzapften; schrĂ€g gegenĂŒber bot ein WildhĂ€ndler frisches Kaninchen- und Rehfleisch an.

Ein Hauch von Orient
Wahrscheinlich haben die Älteren mit derselben Neugierde, mit denselben Vorbehalten die Entwicklung beobachtet, als sich die ersten Italiener mit Restaurants und Eisdielen niederließen, der erste Chinese, die erste Dönerbude eröffnete. Heute wie damals grenzten einige wenige mit garstigen Vorurteilen und rufschĂ€digenden LĂŒgen die Neuen aus. Doch bald wurden diese als Bereichung erlebt und waren aus dem Stadtleben nicht mehr wegzudenken. „Integration funktioniert nur von Angesicht zu Angesicht“, sagt Ahmadzai, der wortgewandte Afghane. Jeder Passauer hat jetzt die Chance, daran mitzuwirken. Mit einem Besuch bei Ahmadzai, Allil und Badawi - oder wie sie alle heißen.  

Beitrag erschien in Magazin Nr. 119/ Oktober 2018

 
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