Montag, 10. Dezember 2018
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Regionales >> Sonntag, 18. November 18

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Das Haus am Linzer Tor hat wahrscheinlich seine Wurzeln im 16. Jahrhundert.
Holzhaus „Linzer Tor“

Passauer Denkmaldrama: Einladung zur Brandstiftung?

Eigentum verpflichtet, aber Hausbesitzer lassen manchmal bewusst DenkmĂ€ler verfallen, um auf Abbruch und Neubau zu spekulieren. In Passau spitzt sich der Konflikt um ein altes Holzhaus zu, welches seit Jahrhunderten zum malerischen Postkartenmotiv des sĂŒdöstlichen Stadttores zĂ€hlt.

Der HauseigentĂŒmer Sascha P. hat bewusst einen buchstĂ€blich brandgefĂ€hrlichen Zustand geschaffen, der von den Verantwortlichen der Stadt offenbar geduldet wird. Mithilfe des OberbĂŒrgermeisters soll ein Stadtratsbeschluss, der das historische Erbe retten könnte, ignoriert werden. Mittlerweile haben sich zwei Landtagsabgeordnete in das Denkmaldrama eingeschaltet.

Vergangene Woche wollten die StadtrĂ€te im Bauausschuss ein Exempel statuieren. Auf Antrag ihres Kollegen, Historiker Matthias Koopmann, haben sie erstmals beschlossen, dass ein DenkmalgebĂ€ude gegen den Willen des EigentĂŒmers gesichert wird, um den Verfall aufzuhalten. Das Bayerische Denkmalschutzgesetz lĂ€sst dieses Vorgehen zu. Die Notsicherung ist das letzte Mittel. Im Gesetz heißt es zudem: „Handlungen, die ein Baudenkmal schĂ€digen oder gefĂ€hrden, können untersagt werden“.

Die stĂ€dtische Denkmalpflegebehörde und der Vertreter des Landesamtes, Dr. Thomas Kupferschmied, haben dieses Gesetz offensichtlich mindestens fĂŒnf Jahre lang ignoriert: Der HauseigentĂŒmer hat Löcher am Dach offengehalten, Regen dringt ein; eine eingebrochene Treppe wurde nicht erneuert, das Obergeschoss ist nicht erreichbar; Fallrohe sind abmontiert, das Dachwasser plĂ€tschert den Putz entlang und beschleunigt die FĂ€ulnis. Aber das alte Haus in HolzbaustĂ€nderweise, GrundflĂ€che etwa vierzehn mal acht Meter, erweist sich als widerstandsfĂ€hig, es will nicht einstĂŒrzen.

Nachdem der Bauausschuss die Zwangsmaßnahme "Notsicherung" mit sieben gegen sechs Stimmen beschlossen hatte, war der Eklat vorprogrammiert. Denn der Vertreter der Verwaltung verkĂŒndete, dass man dem Beschluss nicht folgen werde; der OberbĂŒrgermeister werde eingeschaltet, den Beschluss kraft seines Amtes aufzuheben. Der EigentĂŒmer könnte klagen und die Stadt den KĂŒrzeren ziehen, war die BegrĂŒndung. Das Bayerische Denkmalschutzgesetz nur geduldiges Papier?

„Wir sind von der Verwaltung an der Nase herumgefĂŒhrt worden“, sagt Matthias Koopmann. Es sei glaubhaft immer so dargestellt worden, als gĂ€be es ein Gutachten, dass dieses GebĂ€ude einsturzgefĂ€hrdet, fĂŒr die Nachwelt verloren ist. Ein solches Gutachten wĂ€re die Voraussetzung, dass die DenkmalwĂŒrde aberkannt werden kann. In der letzten Sitzung wurde jedoch bekannt: Es gibt kein solches Gutachten. Die EinschĂ€tzung beruht auf einer Augenscheinnahme von außen und der Aussage des EigentĂŒmers. „Baustelle betreten verboten!“, hat er ein gelbes Warnschild neben der HaustĂŒr angebracht. 

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Mehrere Fenster im Erdgeschoss des Geisterhauses werden offen gehalten. Damit noch mehr Feuchtigkeit oder Unbefugte leichter eindringen können?
Das Holzhaus am Linzer Tor ist zum PrĂ€zedenzfall geworden. Was wiegt bei einem Baudenkmal mehr? Die privaten Interessen des HauseigentĂŒmers oder der öffentliche Anspruch, ein historisches Zeitzeugnis der Nachwelt zu erhalten? In diesem Fall lĂ€sst sich sagen: Die Stadt und die zustĂ€ndigen Behörden haben sich nie fĂŒr dieses Objekt interessiert, obwohl es immer wieder ein öffentliches Thema war. Der Verein „Forum Passau“ hat in seiner Zeitschrift, die an 13.000 Haushalte geht, den Missstand seit FrĂŒhjahr 2013 mehrmals angeprangert. Koopmann hat ihn wiederholt an die Lokalpresse herangetragen. 

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Eines der Fenster, die im Erdgeschoss offen stehen.
„Der Fall „Linzer Tor“ ist in der Kombination von jahrelangem Leerstand, unterlassenem Bauunterhalt, schwerste SubstanzschĂ€digung, Investorenhörigkeit und Hilflosigkeit der oft ebenso ĂŒberforderten wie politisch mangelhaft gestĂŒtzten Behörden kein Einzelfall, sondern typisch fĂŒr Bayern, wo mehr als dreitausend DenkmĂ€ler leer stehen und verwahrlosen!“, schrieb im MĂ€rz 2013 auf Anfrage dieses Magazins Professor Egon Greipl, der ehemalige Leiter der bayerischen Denkmalpflege. 

Der Autor dieser Zeilen hat vor genau zwei Jahren das einzige ReportergesprĂ€ch mit dem EigentĂŒmer gefĂŒhrt, der das Objekt drei Jahre zuvor nach unbestĂ€tigten Informationen fĂŒr einen kleineren fĂŒnfstelligen Betrag erworben hat. Es wurde schnell klar: Das Passauer Stadtbild dĂŒrfte ihn wenig interessieren, er ist hierher 2008 aus praktischen ErwĂ€gungen gezogen. Der kroatische StaatsbĂŒrger ist in Bayern in der Baubranche tĂ€tig, in seiner Heimat hĂ€lt er Immobilien, die er touristisch nutzt. Passau hat er als Wohnort gewĂ€hlt, weil es fĂŒr seine Zwecke "verkehrstechnisch gĂŒnstig" liegt. Mit Frau und Kind hat er eine Wohnung in unmittelbarer NĂ€he des leerstehenden Holzhauses bezogen. Er hat, wie er jetzt bei einem Telefonat ergĂ€nzte, nach der Scheidung angeblich wegen "Zwangsabmeldung" durch die Stadt seinen Passauer Wohnsitz verloren. Das habe ihm mehrere Tausende Euro gekostet. Er wohnt heute ein paar Kilometer weiter im benachbarten Österreich.

Das Passauer Denkmal in kroatischer Hand ist mittlerweile zum hochbrisanten politischen Thema geworden und hat die Landespolitik erreicht. Der CSU-Landtagsabgeordnete Gerhard Waschler, selbst ein InnstĂ€dter, hat sich eingeschaltet. Mit einem Mitglied des Passauer Gestaltungsbeirats, Architekt Peter Haimerl, hat er das Objekt besichtigt und betont die SchutzwĂŒrdigkeit des Denkmals. Sanierung sei machbar, wenn der Wille vorhanden ist, war die Botschaft der beiden MĂ€nner. "Ich gehe jeden Tag daran vorbei und bin davon ausgegangen, dass es irgendann kernsaniert wird", erzĂ€hlt Waschler. Als er dann vom geplanten Abriss gelesen habe, sei er aufgeschreckt. Er fragte beim Leiter der Landesdenkmalpflege nach, wie das möglich sei. Dort erhielt er die Auskunft, dass das Haus weiterhin als Denkmal gefĂŒhrt wird. Einer Abbruchgenehmigung mĂŒsse ein Gutachten vorausgehen. Dieses gibt es nicht.

Am SonntagfrĂŒh hat sich der GrĂŒnen-Landtagsabgeordnete Toni Schuberl zu Wort gemeldet. Er schickt an die Medien seinen offenen Brief in dieser Sache an den OberbĂŒrgermeister. „Das ganze Ensemble mit dem Linzer Tor ist ein derart schöner Flecken Passaus, der auch einen ganz eigenen Charme hat, wie man ihn in den anderen eher stĂ€dtisch geprĂ€gten Teilen Passaus kaum finden kann. Nun gibt es zumindest den Funken einer Hoffnung zum Erhalt dieses Kleinods.“ Was Schuberl missfallen dĂŒrfte: Seine Parteikollegin Erika TrĂ€ger, die als dritte BĂŒrgermeister den Vorsitz des Bauausschusses ine hatte, hat offenbar aus LoyalitĂ€t zum OberbĂŒrgermeister gegen die Notsicherung gestimmt, zusammen mit den drei SPD-Mitgliedern, einerm Vertreter der Freien WĂ€hler und der FDP. 

Schuberl gibt in seinem Brief der Hoffnung Ausdruck, dass ein Fehler in der Berichterstattung der "Passauer Neuen Presse" vorliegt, in der geschrieben steht, dass das entscheidende Gutachten zur Statik vom HauseigentĂŒmer selbst in Auftrag gegeben werden soll, die Stadt dieses Gutachten jedoch hoch bezuschusse. „Das wĂŒrde wohl das Ergebnis des Gutachtens tendenziell vorwegnehmen", schreibt er. Koopmann drĂŒckt das konkreter aus: „Da wird der Bock zum GĂ€rtner gemacht.“

Schuberl hat sich leider nicht verlesen und die PNP die schriftliche ErklĂ€rung des Rathauses korrekt wiedergegeben, die auf unserer Anfrage vom Freitagmorgen hin versandt worden ist. Das OB-BĂŒro teilt mit: „Das GebĂ€ude ist in einem so maroden Zustand, dass das Landesamt fĂŒr Denkmalpflege (Anm. d. Red: gemeint ist Dr. Thomas Kupferschmied) und die Stadt den EigentĂŒmer gemeinsam aufgefordert haben, ein statisches Gutachten beizubringen.“ Die Landesbehörde und die Stadt hĂ€tten dafĂŒr einen hohen Zuschuss in Aussicht gestellt. "Ein GebĂ€ude, das im Verdacht steht, einsturzgefĂ€hrdet zu sein, kann man ohne statischen Nachweis nicht von Handwerkern betreten lassen." 

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Sascha P. hat neben der HaustĂŒr ein Warnschild "Baustelle" angebracht, am Briefkasten mit knallgelbem Beschriftungsband seinen Namen mit Zusatz "HauseigentĂŒmer" und Mobilfunknummer angebracht.
Die Stadt Passau und der EigentĂŒmer, beide betonen den "Verdacht", der Einsturzgefahr. Der Augenschein heute hat ergeben, dass sich beide in gefĂ€hrliche, ja verantwortungslose Position begeben. Die Löcher im Dach, die fehlenden Fallrohre, dabei hat es Sascha P. nicht belassen. Er lĂ€sst die fĂŒnf Erdgeschossfenster im Westen offenstehen, so dass jeder Unbefugte, ja selbst Kinder leicht in das leerstehende Haus einsteigen können.

SpĂ€testens mit diesen Zeilen ist der Stadtverwaltung diese grobe FahrlĂ€ssigkeit bekannt. Denn die offenen Fenster sind eine brandgefĂ€hrliche Einladung. „Diesen Zustand kennen wir seit einem Jahr“, sagt eine Nachbarin. Die Stadt möge sich darum kĂŒmmern. Das Holzhaus am Linzer Tor ist wahrscheinlich in keinem schlechteren Zustand als das IlzstĂ€dter Denkmal „Zur Felsn“. Es hat nur das Pech, in die falschen HĂ€nde geraten zu sein.

„Ich bin der Sascha. Mich kennt hier jeder. Ich bin 1 Meter 95 groß und 90 Kilo schwer, ich kann mich nicht verstecken“, hatte sich der vollbĂ€rtige Riese und DenkmaleigentĂŒmer im November 2016 dem Reporter vorgestellt. Er war sehr verĂ€rgert, weil sich das „Forum Passau“, ein Verein, der sich um Landschaft und Stadtbild kĂŒmmert, den Verfall dieses Denkmals angeprangert hatte. Er empfand das als Einmischung in seine Angelegenheiten und gab dem Reporter die provokante Botschaft mit: "Ich verkaufe das Haus gerne fĂŒr zwei Millionen Euro, wenn im Grundbuch eingetragen wird, das der KĂ€ufer sich verpflichtet, es zu sanieren." Damit hatte er durchscheinen lassen, dass die Immobilie fĂŒr ihn ein Spekulationsobjekt ist. Andrerseits behauptete er, er habe in das Haus viel investiert und möchte darin auch einmal wohnen. Man könne mit ihm ĂŒber alles reden. Seine Aussagen waren widersprĂŒchlich. Heute sagte er, er fĂŒhle sich verfolgt, ja bedroht. "Dabei hĂ€tte der EigentĂŒmer jetzt die besten Chancen, von vielen Seiten UnterstĂŒtzung zu erhalten, wenn es der Rettung des Denkmals dient", sagt Koopmann. 

Was die Notsicherung ĂŒber den Winter anbelangt: Nach realistischer SchĂ€tzung eines Zimmerermeisters kann sie fĂŒr rund 8.000 Euro durchgefĂŒhrt werden. Die wetterfeste Schutzplane wĂŒrde mithilfe eines mobilen Krans aufgebracht. Die Dachdecker werden bei der Arbeit mit derselben Technik gesichert, wie FeuerwehrmĂ€nner, die schneebruchgefĂ€hrdete DĂ€cher abrĂ€umen. Der Zimmermeister hat sich eingeschaltet, weil er erlebt hat, wie in seiner Heimatgemeinde vor 20 Jahren an derartiger Zwangseingriff durch die Denkmalpflege stattgefunden hat. Ein EigentĂŒmer hatte an denkmalgeschĂŒtzes Anwesen absichtlich dem Verfall preisgeben wollen, damit er es abreißen und an dessen Stelle einen neuen Stadel zu bauen. Die Nachbarn hatten erfolgreich die Behörden eingeschaltet.

 
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