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Gedenkstätte für Maurice nach der Tragödie. Beim Faustkampf soll Maurice sich den Kopf angeschlagen haben am Gitter des Zugangs zur Unterführung. (Foto: Tobias Köhler/ mediendenk)
Mammutprozess

Gericht hinterfragt minutiös Tragödie um Maurice

Die zwei letzten Schläge, die den fünfzehnjährigen Maurice getroffen haben, sind wohl die heftigsten in dieser Auseinandersetzung gewesen. Ein Haken in die Leber und ein Fausthieb gegen den Kopf.

„Aus meiner Familie wird niemand geschlagen!“, soll der ausführende Schläger, der älteste von drei Cousins gerufen haben; ein tätowierter, durchtrainierter 25-Jähriger, der sich wenige Minuten zuvor nach eigenen Aussagen eine Prise Koks und etwas Crystal in die Nase gezogen hatte. Das mache klar im Kopf, nicht benommen, hat er in der Gerichtsverhandlung die Vorsitzende Richterin aufgeklärt. Dabei hatte sie ihm eine Brücke gebaut, dass sein Drogenkonsum wahrscheinlich Wahrnehmung und Zurechnungsfähigkeit eingeschränkt habe.

Der Kokainerfahrene, seine beiden Cousins und der Herausforderer von Maurice sind angeklagt wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Zwei weitere Burschen wegen Beihilfe.

Ein „Straßenkampf“ um die Ehre, eingefädelt vom älteren Schulbanknachbarn eines angeblich von Maurice gekränkten gleichaltrigen Schülers, hat im April dieses Jahres in einer Passauer Fußgängerunterführung mit einer Tragödie geendet. Die beiden Burschen trafen sich zum Faustduell in Anwesenheit von zwei Dutzend schaulustigen Freunden und Bekannten, darunter etwa ein Drittel aus den Reihen des später Verstorbenen. Der Kampf "Eins-gegen-Eins" war vorbei, als sich der jüngste der drei Cousins einmischte, dieser Maurice zur Fairness rief und handgreiflich wurde. Wie Zeugen beider Parteien übereinstimmend berichten, soll Maurice mit dem rechten Fuß ausgeholt und in Richtung des Gesichts des Rivalen getreten haben, als dieser wehrlos am Boden lag. Getroffen hat Maurice nicht, weil er wahrscheinlich diese Grenze nicht überschreiten wollte.

Der erste Prozesstag der Beweisaufnahme hat alle Beteiligten strapaziert. Die Richter und Schöffen der Großen Jugendkammer, sechs Angeklagte und deren Anwälte, Staatsanwalt und Nebenkläger, Gutachter und Journalisten übten sich im Saal 40, einem ehemaligen Kirchenraum, acht Stunden lang in Aufmerksamkeit und Konzentration. Die Vorsitzende Richterin hatte die ersten 7 von 25 Zeugen geladen. Zuhören, nachfragen, notieren, einordnen. "Wir werden künftig zwei Stunden je Zeuge einplanen müssen", sagte die Vorsitzende Richterin nach den Erfahrungen des ersten Tages der Beweisaufnahme.

Beweisaufnahme mit 360-Grad-Bildern
Damit der Ablauf der Prügelei möglichst genau nachgezeichnet werden kann, hat die Kripo vom Tatort 360-Grad-Aufnahmen aus sieben verschiedenen Positionen anfertigen lassen. Auf einem Großbildschirm lassen sich die Richter anhand dieser Aufnahmen von den Zeugen durchs Geschehen führen, können überprüfen, ob Standort, Sichtfeld und die Chronik der geschilderten Abläufe schlüssig sind.

Die Angeklagten und Zeugen spiegeln eine Welt von Heranwachsenden und Halbwüchsigen wider, die teilweise unter schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen oder mit dem Gesetz bereits in Konflikt gekommen sind. Da sind die Schüchternen und Anständigen, die darum ringen, auf die Fragen der Richterin die richtigen Worte zu finden, aber zugleich die Wichtigtuer und Luftikusse, die übertreiben oder das Erlebte mit später Gehörtem zu einer Erzählung verdichten. „Ich habe es ein Stück weit geahnt, dass er draufgehen könnte“, sagt einer der jungen Taktlosen in Anwesenheit der Mutter des Opfers, im Zeugenstand lümmelnd.

Dass trotz verhängter Kontaktverbote die zeitweise Weggesperrten sich mit Augenzeugen über soziale Netzwerke abgesprochen oder persönlich getroffen haben, wiederum andere sich von bestimmten Angeklagten vielleicht eingeschüchtert oder bedroht fühlen, erschwert zusätzlich die Wahrheitsfindung in diesem Prozess.

Auf der Anklagebank kämpft jeder für sich. Ein Verteidiger wirft einem Vierzehnjährigen, der seinen Mandanten belastet, vor, dieser habe seinen Freund Maurice im Stich gelassen: „Warum haben Sie nicht eingegriffen, als sie angeblich zu Viert (Anm. d. Red.: der Rivale und die drei Cousins) gegen Maurice vorgingen?“ Der Bub hatte sich im Zeugenstand gebrüstet, ein kampferprobter Thaiboxer zu sein. Es sei alles viel zu schnell gegangen, verteidigt sich der Angegriffene. Der Zeuge sei zur Tatzeit 13 gewesen, nimmt die Richterin diesen in Schutz.

Warum ist Maurice verstorben? „Wir müssen alles versuchen, dies so genau wie möglich aufzuklären“, sagt die Richterin, um Verständnis werbend für die zeitraubende Akribie, mit der sie die Befragungen durchführt. Die beklemmenden Momente sind diejenigen, in denen eine junge Vertreterin der Münchner Gerichtsmedizin mit den immer selben Fragen an die Zeugen herantritt, um über die letzten Minuten im Leben von Maurice jedes Detail zu erfahren. Einmal hält das die Mutter des Verstorbenen, die auf der Nebenklagebank sitzt, nicht mehr aus, verlässt mit feuchten Augen den Saal.

Die Zeugen beider Parteien beschreiben das Ende der Tragödie nahezu identisch. Der Angriff gegen Maurice sei plötzlich unterbrochen worden und die Menge löste sich auf, weil eine Frau mit Hund die Unterführung betrat und energisch drohte, die Polizei zu holen. Dann ist der Verprügelte, zwar ein wenig blass und mit einem blutigen Kratzer am Unterarm, aus eigener Kraft zum Ausgang gegangen. Er setzte sich im Freien auf eine Treppe, klagte plötzlich über Schwindel, wollte aufbrechen, um Wasser zu holen und brach im nächsten Moment bewusstlos zusammen. Ein Passant, der Erste Hilfe leistete, begann mit der Reanimation, nachdem der Herzschlag des Burschen ausgesetzt hatte.

Der Prozess wird morgen um 9 Uhr fortgesetzt.

 
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