Dienstag, 16. Oktober 2018
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Meinung >> Sonntag, 07. Oktober 18

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Stadtrat und Landtagskandidat Oskar Atzinger hat seinen Zahnarztberuf an den Nagel gehängt, plant eine politische Karriere in der AfD. Er schrieb männlichen Wähler zwischen 40 und 60 einen persönlichen Wahlwerbebrief - mit Resonanz, die er wahrscheinlich
"Meine Kinder haben mich gefragt..."

Offener Brief eines besorgten Vaters an AfD-Landtagskandidat Atzinger

Dass Protest leise, aber wirkungsvoll sein kann, hat Franz Hauber bei der AfD-Kundgebung im vorigen Herbst bewiesen. Der 51-JĂ€hrige streckt zu Beginn der Veranstaltung ein einfaches, weißes Schildchen in die Höhe, das er selbst beschriftet hat: „AfD muss weg!“ Bis sie ihn anrempeln, mit Klage drohen und er seinen Platz in der in der ersten Reihe aufgeben muss. Jetzt hat er sich mit einem offenen Brief an diese Partei gewandt.

Hauber reagiert auf einen Wahlwerbebrief eines AfD-Landtagskandidaten, den er in seinem Briefkasten fand. Oskar Atzinger, Zahnarzt, 55 Jahre alt, isolierter HinterbĂ€nkler im Passauer Stadtrat, hat sich mit einem persönlichen Brief an Passauer WĂ€hler gewandt, die seiner Meinung nach der AfD-Zielgruppe am besten entsprechen: mĂ€nnlich, 40 bis 60 Jahre alt; aussortiert hat er exotische Namen, die auf einen Migrationshintergrund schließen lassen.

WahlbriefempfĂ€nger Hauber gehört also der AfD-Zielgruppe an. Er ist Mitglied beim „Runden Tisch gegen Rechts“ und saß 1992 bis 1996 fĂŒr die damals existierende Liste "Studenten fĂŒr Passau" im Stadtrat. Seinen AfD-Protest erklĂ€rte er im vorigen Herbst so: Er habe zwei Kinder im Teenageralter und mache sich Sorgen, dass eine rechte Partei wieder hoffĂ€hig wird. Seine Sorge ist gewachsen.

Deshalb schickte er seine Antwort an Atzinger als öffentlichen Brief an alle Medien. Wir veröffentlichen diesen hier in AuszĂŒgen.

"Sehr geehrter Herr Atzinger,

Sie haben mir unaufgefordert Ihre Wahlinformation zugesandt. Hiermit fordere ich Sie auf, mich nicht mehr mit Ihren Wahlpamphleten zu belĂ€stigen. Ich finde es zudem eine bodenlose Frechheit, dass Sie ausgerechnet mir als ehemaligem Stadtrat von Passau, der das Mahnmal fĂŒr die Opfer des Nationalsozialismus mit beantragt hat, ein AfD-Werbeblatt zusenden. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass es auch MĂ€nner zwischen 40 und 60 Jahren gibt, die mit den Zielen der AfD nichts, aber auch gar nichts gemein haben.

Gemein ist vielmehr ihre Diskriminierung von WĂ€hlergruppen, da Sie Frauen, JĂŒngere und Rentner/innen fĂŒr so wertlos halten, dass Sie Ihnen noch nicht mal Ihr Pamphlet zuschicken wollen. Dass Sie Personen mit Migrationshintergrund abgrundtief hassen, dafĂŒr ist Ihre antichristliche Partei ja bekannt. Ihr Wahlwerbebrief lĂ€sst auf den ersten Blick nicht vermuten, dass es um die AfD geht, da weder im Briefkopf noch sonst ein Parteilogo auftaucht. Erst ganz zum Schluss taucht der Name AfD auf. Anscheinend schĂ€men Sie sich schon so fĂŒr Ihre Partei, dass Sie nicht schon am Anfang Ihres Briefes darauf hinweisen. Und Sie haben Recht, Sie – und Ihre Parteimitglieder - sollten sich fĂŒr die AfD schĂ€men.

Auch erwartet man als WĂ€hler, dass eine Partei ĂŒber ihre Ziele informiert. Neben Stationen Ihres Lebens und ein paar Hobbys (Anm. d. Red.: Schwimmen und Schapfkopfen) sind ganze zwei SĂ€tze zu Ihren Zielen zu finden. Jedoch findet man auch hier nicht, wofĂŒr sie stehen, sondern nur wogegen sie sind. So sind Sie gegen eine Energiepolitik, die Natur und Wirtschaft zerstört. Steht das aber nicht im Widerspruch zu Ihrem Parteiprogramm, in dem der von renommierten Wissenschaftlern festgestellte Klimawandel (der ja Natur und Wirtschaft zerstört) wider alle Vernunft geleugnet wird?

Auch sprechen Sie von höheren Abgaben und Steuern fĂŒr Einwanderer, klĂ€ren aber nicht darĂŒber auf, welche das sein sollen (wahrscheinlich, weil es keine entsprechenden Steuererhöhungen gab).

Auch fehlen wichtige Informationen in Ihrem Wahlbrief. So erfĂ€hrt man nicht, dass Sie frĂŒher bei den Republikanern (REP) waren und dort rausgeflogen sind, da Sie mit der NPD paktiert und eventuell auch ein ParteiprĂ€sidiumsmitglied tĂ€tlich angegriffen haben sollen (Iaut aktuellem RegioWiki-Eintrag). Neben REP und "Alternative fĂŒr Passau" bzw. "Pro Passau" sind Sie nun zur AfD gekommen; als WĂ€hler weiß man also nicht, welcher Partei Sie denn demnĂ€chst angehören werden...

...So kann man sich als Informationsquelle Ihre AfDer-Kandidatenkollegen betrachten. Doch weder Herr Stadler noch Herr Schregle waren in der Lokalzeitung bereit, das Wahlvolk ĂŒber Ihre wahren Ziele zu informieren. Das lĂ€sst den Schluss zu, dass die AfD im Raum Passau entweder keine konkreten Ziele benennen kann oder sie Angst hat, dass Ihre wahren Ziele die Wahlchancen verringern...

...Auch scheint Ihre Partei vor Ort noch nicht einmal fĂ€hig zu sein, eine kleine Demonstration zu organisieren. Als fadenscheinige BegrĂŒndung verweisen Sie auf ein paar Hausschmierereien („AfD jagen!“). War das nicht die Wortwahl Ihres Vorsitzenden, der nach der Bundestagswahl ankĂŒndigte, die Kanzlerin zu jagen? Sie mĂŒssen damit rechnen, dass Ihre Partei mit Ihrer eigenen Wortwahl konfrontiert wird; wenn Sie das nicht verkraften, haben Sie in der Politik nichts verloren.

Schaut man sich Ihre Partei insgesamt an, wird es nicht besser. Ein Vorstandsmitglied forderte ja schon, dass auch Frauen und Kinder an der Grenze mit Schusswaffen zurĂŒckgehalten werden sollen. Andere empfinden ein Holocaust-Mahnmal als Schande und paktieren offen mit der auslĂ€nderfeindlichen Pegida und Nazi-Gruppen. Das passt ja zu dem Image der AfD als Partei der Antichristen und Rassisten.

Auch wird die Jugendorganisation Ihrer Partei bereits in zwei BundeslĂ€ndern vom Verfassungsschutz ins Visier genommen. In Passau wurde die Ihrer Partei nahe stehende Hochschulgruppe verbannt, da deren Vorsitzender trotz Aufforderung u.a. Holocaust verleugnende Äußerungen nicht zurĂŒckgenommen hat. Sie haben dazu geschwiegen; warum?

Sie haben in Ihrem Wahlbrief also wesentliche fĂŒr die Wahl entscheidende Fakten ĂŒber sich, die AfDer-Kandidaten vor Ort und Ihre Partei insgesamt verschwiegen. Das Wahlvolk möchte aber keine Politiker wĂ€hlen, von denen es belogen und getĂ€uscht wird, die wichtige Informationen vertuschen oder unter den Teppich kehren, die sich in WidersprĂŒche verstricken und die in ihren bisherigen Ämtern wohl noch nichts zustande gebracht haben. Sollten Sie noch einen Rest an Ehre und Anstand haben, sollten Sie nun als Stadtrat zurĂŒcktreten, Ihre Landtagskandidatur zurĂŒckziehen und aus der AfD austreten.

Wir leben in einer Zeit, in der es in Deutschland wieder zu Verfolgung von jĂŒdischen MitbĂŒrgern und Menschen mit Migrationshintergrund kommt und Rechtsterroristen aktiv werden (siehe Chemnitz). Ihre Partei trĂ€gt dazu bei, indem sie ein politisches Klima von Angst und Hass in der Bevölkerung schĂŒrt und den NĂ€hrboden fĂŒr diese Entwicklung bereitet.

Ich habe von einigen gehört, die ĂŒberlegen, AfD nur deshalb zu wĂ€hlen, um anderen Parteien einen Denkzettel zu verpassen. Ich appelliere an diese WĂ€hler/innen, noch einmal innezuhalten und nicht einer Partei wie der AfD Ihre Stimme zu geben, die geradewegs auf dem Weg in den Rechtsextremismus ist und ein tolerantes, demokratisches Deutschland in den Abgrund fĂŒhren will. Um einen Denkzettel zu geben, gibt es ausreichend andere Parteien, die in Frage kommen.

Wer dennoch die AfD wĂ€hlt, kann sich nicht mehr herausreden, weil er/sie nun weiß, was fĂŒr eine unsĂ€gliche Partei dies ist. Was wollen diese spĂ€ter Ihren Kindern und Enkel antworten, wenn die sie fragen, warum Sie AfD gewĂ€hlt haben bzw. warum Sie die AfD nicht verhindert haben?

Meine Kinder haben mich gefragt, wie es zum Aufstieg der NSDAP kommen konnte und warum dies nicht verhindert wurde. Aus Verantwortung fĂŒr die Zukunft meiner und unserer Kinder habe ich diesen Offenen Brief verfasst, denn: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem sie kroch
 

Mit freundlichen GrĂŒĂŸen
Franz Hauber ehemaliger Stadtrat von Passau

 
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