Dienstag, 16. Oktober 2018
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Meinung >> Sonntag, 07. Oktober 18

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Frankenstein in Not. Die mörderischen Witwen halten sich ihren bösartigen Neffen mit Stricknadeln vom Leib.
Nachtkritik

25 Leichen und ein paar Lacher

Vielleicht hĂ€tte man die Pause bei dieser 160-Minuten-Krimikömodie etwas frĂŒher legen sollen. Der temporeiche kĂŒrzere zweite Teil versöhnte fĂŒr den ersten, der etwas langatmig geraten ist. Bei „Arsen und SpitzenhĂ€ubchen“ sorgt schwarzer Humor seit fast acht Jahrzehnten fĂŒr Lacher und Unterhaltung. Mit seiner Anzahl der Leichen toppt dieses StĂŒck jeden Tatort.

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Mortimer wird zum Gefangenen von seinem Bruder Frankenstein und dessen Begleiter Dr. Einstein. (Fotos: Peter Litvai)
Die Schauspielheldinnen des Abends sind Antonia Reidel und Paula-Maria Kirschner. Sie spielen Abby und Martha Brewster, zwei alte Witwen, mordlĂŒsterne Gutmenschen, die einsamen alten MĂ€nnern das zufriedene LĂ€cheln eines gnĂ€digen Todes ins Gesicht zaubern wollen. Sie locken ihre Opfer – ĂŒbertragen ins Heute - als Airbnb-Gastgeber an. Die BettwĂ€sche mĂŒssen sie nie wechseln, denn der Tod verbirgt sich im BegrĂŒĂŸungsgetrĂ€nk: selbstgemachter Holunderwein vermischt mit Arsen, Strychnin und einer Prise Zyankali. Wie effektiv er wirkt, bekommt der Zuschauer nie zu Gesicht, denn potentielle oder versehentliche Opfer entgehen dem Giftmord durch ĂŒberraschende ZwischenfĂ€lle in letzter Sekunde. Beim letzten Mordopfer, Nummer 25, dem Leiter der Irrenanstalt (Klemens Neuwirth) löscht sich das Licht.

1939 schrieb Joseph Kesselring (1902-1967) dieses StĂŒck, das ihm als einziges Ruhm und Reichtum einbrachte. Es lief nach der Broadway-Premiere am 10. Januar 1941 dreieinhalb Jahre lang vor ausverkauften HĂ€usern in New York und London. In der Hollywood-Verfilmung durch Frank Capra mit Cary Grant und Priscilla Lane wurde es 1944 zum Kinoklassiker des schwarzen Humors.

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Sie schenken alten, einsamen MÀnnern einen gnÀdigen Tod: die Witwen Abby und Martha Brewster.
Als Kesselring sein StĂŒck schrieb, war Frankenstein als Filmfigur lĂ€ngst geboren. Der Maskenbildner der Universal Studios, Jack Pierce, hatte Frankensteins Monster 1931 erschaffen. Der Frankenstein, der als bösartiger Neffe Jonathan Brewster auf die BĂŒhne tritt, zwölf Leiche auf dem Kerbholz hat wie die Giftmörderinnen, Ă€hnelt dem dem Original wie aus dem Gesicht geschnitten. Kompliment an die Maske! Großartig verkörpert und gespielt von Joachim Vollrath, der seine Oberlippe gefĂ€hrlich zucken lĂ€sst. Im Schlepptau hat er seinen Pfuscher Dr. Einstein (Julian Ricker).

Das gutmĂŒtige GegenstĂŒck in dieser gestörten Brewster-Familie ist der wahnsinnige Neffe Teddy, der glaubt, US-PrĂ€sident Franklin Roosevelt zu sein. Herrlich energiegeladen gespielt von Reinhard Peer, der mit SĂ€bel und Trompete geschickt umzugehen weiß. Er schaufelt im Keller des Hauses seinen persönlichen Panamakanal, lĂ€sst darin bereitwillig die Leichen der Tanten verschwinden. Sie haben ihm weisgemacht, es seien Gelbfieberopfer. Als Bruder "Frankenstein" um ein zusĂ€tzliches Grab fĂŒr sein Mordopfer begehrt, hĂ€ngt der Haussegen schief.

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Erst die unheimlichen Dinge dieses Hauses regeln, dann die Hochzeit. Mortimer Brewster vertröstet seine Braut.
Im Haus der Leichen entfaltet sich eine Liebesgeschichte zwischen dem einzig normalen Bewohner, Theaterkritiker Mortimer Brewster, und einer Pfarrerstochter (Ella Schulz); im Chaos des Verbrechens droht ihre geplante Hochzeit zu scheitern.

Das BĂŒhnenbild ist bestrickend. Strickmuster tragen TĂŒren und Tapeten, StrickhĂŒllen schĂŒtzen Kaffeekanne und Zuckerdöschen, Stuhlbeine und Rehgeweih, nicht zuletzt den Deckel der Fenstertruhe, die als Zwischenlager der Leichen dient. Allein der giftige Holunderwein wird in einer Karaffe nackt wie die Unschuld serviert.

Vielleicht lag es an der von der Heizung erwĂ€rmten Theaterluft oder am Glas Rotwein auf nĂŒchternen Magen vor der Vorstellung, dass viele Zuschauer beim Gang in die Pause das GĂ€hnen nicht unterdrĂŒcken konnten. Beim komisch-makabren Finale jedenfalls waren sie wieder alle hellwach.

Fotos: Peter Litvai

Besetzung:
Antonia Reidel (Abby Brewster); Paula-Maria Kirschner (Martha Brewster); Reinhard Peer (Teddy Brewster); Julian Niedermeier (Mortimer Brewster); Joachim Vollrath (Jonathan Brewster); Julian Ricker (Dr. Einstein); Ella Schulz (Elaine Harper); Olaf SchĂŒrmann (Dr. Harper / Leutnant Rooney); Laura Puscheck (Brophy); Klemens Neuwirth (Mr. Gibbs / Mr. Witherspoon); Stefan Sieh (O'Hara)

 
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