Dienstag, 16. Oktober 2018
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Bayern >> Montag, 17. September 18

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Vor 100 Mitglieder des Vereins "Europäische Wochen" präsentierte der neue künstlerische Leiter Carsten Gerhard sein Konzept, hier eine Orchesterpartnerschaft mit London.
EuropÀische Wochen

Mehr Theater, auch im Kleinen

Von Freyberg, Baumgardt, Bauer heißen der Reihe nach die letzten Intendanten der Passauer Festspiele „EuropĂ€ische Wochen“. Ein Glorreicher und zwei in Ungnade Gefallene. Die Reihenfolge sortiert zugleich ihre Amtszeiten: sechszehn Jahre, vier Jahre, zwei Jahre. Heute Abend ist vom Vorstand des Vereins, der diese Festspiele trĂ€gt, die Nummer vier vorgestellt worden. Sie setzt diese Reihe des scheinbaren Zerfalls konsequent fort: Carsten Gerhard darf sich nicht Intendant, sondern nur kĂŒnstlerische Leiter nennen; er ist eine Zwischenlösung und seine Amtszeit auf eine Saison begrenzt.

Über die Zukunft der Festspiele ist heute Abend bei einer Informationsveranstaltung von allen Verantwortlichen das Wichtigste gesagt worden. Jeder der vorgenannten Intendanten spielte dabei, ob anwesend oder nicht, eine gewichtige Rolle; der eine eine verschwiegene, der andere eine indirekt wiederbelebte, der dritte eine Streit auslösende.

Thomas E. Bauer (2016-2018), der das ansprechende Programm dieses Sommers vor seinem unfreiwilligen Abgang gestaltet hatte, wurde von der Vorsitzenden Rosemarie Weber mit keiner Silbe erwĂ€hnt. Sie hatte nach einem Etatstreit mit Bauer den Notstand ausgerufen und quasi als Notintendantin ohne ihn die Festspiele durchgefĂŒhrt. Mit einer kleinen Verneigung vor dem Programmmacher hĂ€tte sie sicher die Sympathien aller gewonnen. So wirkte ihre Rede selbstherrlich. Wer diese Festspiele unter diesen UmstĂ€nden erfolgreich ĂŒber die BĂŒhne bringt, der ist der Beste, lautete ihre Laudatio in eigener Sache. Der Beiratsvorsitzende Walter Keilbart und KuratoriumsprĂ€sident Heinrich Oberreuter, als Politikwissenschaftler derzeit gefragter TV-Experte zum CSU-Wahlkampf, stĂ€rkten Weber den RĂŒcken. Mehr noch. Sie hoben sie und ihr Team unter Beifall symbolisch auf ein Podest: Dieser Vorstand habe Unglaubliches geleistet. Wer keinen Vorschlag parat habe, wer es besser machen könne, der solle sich mit Kritik zurĂŒckhalten und fortan schweigen, sagten sinngemĂ€ĂŸ die grauhaarigen weisen MĂ€nner.

Peter Baumgardt (2012-2016), der die Programmarbeit seinerzeit einem MĂŒnchner Kulturagenten ĂŒbertragen hatte, angeblich darĂŒber gestolpert ist, dass er befreundete Helfer großzĂŒgig bezahlt hat, wurde gezwungenermaßen wieder erwĂ€hnt. Denn Carsten Gerhard, der neue Interimsintendant ohne Intendantenvertrag, ist sein ehemaliger Dramaturg, der besagte MĂŒnchner Kulturagent. Zur Überraschung der Mitglieder prĂ€sentierte dieser heute sein Konzept fĂŒr die Festspiele 2019. Weber versĂ€umte es und er selbst auch: sich ĂŒberhaupt vorzustellen. Dies holte er spĂ€ter auf Anfrage einer Zuhörerin nach. Mehr als drei SĂ€tze wolle er dazu nicht verschwenden, sagte er.

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Der neue Ersatz-Intendant der "EuropÀischen Wochen": Carsten Gerhard war Dramaturg unter Ex-Intendant Petrer Baumgardt. (Foto: mediendenk)
Carsten ist gebĂŒrtiger Schwabe, war nach seinem Studium in Berlin und Rom freier Mitarbeiter der Tageszeitung „Die Welt“, dann Pressesprecher vom "Deutschen Theater" und der MĂŒnchner Philharmoniker; er machte sich 2007 mit einer Kulturmarketingagentur selbstĂ€ndig. Über seine aktuelle Arbeit erzĂ€hlte der PR-Mann nichts, von ihr ist auf seiner Agenturseite im Netz zu lesen: Er hat diesen Sommer das „Deutsche Hutmuseum“ im AllgĂ€u und eine MĂŒnchner Dinosaurierausstellung vermarktet.

Freiluftkonzerte am Domplatz, Theater im Wohnzimmer
Die EuropĂ€ischen Wochen sollen sich 2019 im Großen auf dem Domplatz abspielen, beispielsweise mit HĂ€ndels Messias, und sich im Kleinen authentisch mit Europa beschĂ€ftigen. Gerhard setzt auf mehr Theater, will Produktionen aus Amsterdam und Italien holen; die minimalistischen AuffĂŒhrungen sollen in privaten Wohnzimmern stattfinden; vor dem Gastgeber, der zwei GĂ€sten seiner Wahl mitbringen darf, und zwölf zahlenden Zuschauern. Die Höhepunkte der neuen Festspiele wĂŒrden rechtzeitig vor Weihnachten verkĂŒndet, um den Kartenverkauf anzukurbeln, ergĂ€nzte Weber.

Pankratz von Freyberg (1995-2011), der ruhmreiche Intendant, hörte als Mitglied im Zuschauerrau fast zwei Stunden lang zu, bis zum Schluss. Dann bat er um das Wort, das er auf einen Zettel formuliert hatte und spĂ€ter, damit es auch richtig wiedergegeben werde, dem Kulturredakteur der Heimatzeitung zusteckte. Er begann mit dem lateinischen Spruch, den auch gute Journalisten beherzigen sollten, "auch die andere Seite zu hören": "Audiatur et altera pars". Auf seinem Zettel, den er laut verlesen hat, steht "Statement": „Im Sinne einer fruchtbringenden Zukunft unsere Festspiele und in Verantwortung gegenĂŒber unserer, dem Europagedanken verpflichteten Vereinsgeschichte, rate ich dringend und mit allem persönlichen Nachdruck: 1. Einberufung einer außerordentlichen Mitgliedversammlung zum nĂ€chstmöglichen Zeitpunkt. 2. Wahl eines unbelasteten Vorstandes. 3. Nach dessen AmtsĂŒbernahme schnellstmögliche Ausschreibung der Intendanz."

„Unbelasteter Vorstand“ und "Neuwahlen" waren Reizworte. Die Reaktion der Vorsitzenden erinnerte an die Szene, als sie zuletzt im April bei einer öffentlichen Mitgliederversammlung mit dem alsbald ausscheidenden Intendanten Bauer zum Schluss in Streit geriet, beide sehr laut und persönlich wurden. Diesmal verlor sie die Contenance, schmĂ€hte die Erfolge des Glorreichen und ließ - obwohl es eine öffentliche Informationsveranstaltung und keine Mitgliederversammlung war - ĂŒber dessen Stellungnahme abstimmen. Sie hatte mit Nachdruck vorausgeschickt, dass es unter ihr keine außerordentliche Mitgliedersammlung mehr geben, sie bei Neuwahlen nicht mehr antreten werde. Neun HĂ€nde erhoben sich, deren Besitzer sich als Revoluzzer fĂŒhlen durften; der Rest der 90 anwesenden Mitglieder stellte sich hinter Weber.

Wo waren plötzlich die Verfechter fĂŒr einen Neuanfang, die Freunde des Ex-Intendanten, die BefĂŒrworter eines neuen Fundaments, einer gemeinnĂŒtzigen GmbH, welche den Verein aus der Haftung bringt? Dem Reporter wurden spĂ€ter Namen aufgezĂ€hlt zum Beleg, dass viele Vertreter der anderen Seite - wohl aus Frust - nicht erschienen sind. Darunter beispielsweise Beiratsmitglied Hermann Schmidt, ein pensionierter Kulturredakteur der Heimatzeitung. Die letzten VorgĂ€nge und die mangelnde Transparenz des Vorstandes gegenĂŒber den Mitgliedern haben ihn angeblich so empört, dass er aus dem Beirat ausgetreten ist. Er bestĂ€tigte dies auf Anfrage.

Nach der Veranstaltung wurde zwischen den Tischen weiter gestritten, vor den Augen und Ohren der Reporter. Die Vorsitzende Weber und ihr Vertreter Freiherr von Moreau verrissen die Erfolge des alten Intendanten, Professor Oberreuter warf von Freyberg vor, er wĂŒrde den Verein zerstören; ein Parteikollege der Vorsitzenden, Rudi Ramelsberger, trat als Schlichter dazwischen.

Die regulÀren Neuwahlen finden 2020 statt.

 
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