Montag, 10. Dezember 2018
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Meinung >> Samstag, 22. September 18

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Auspuffrohr.
Scheuer und der Dieselskandal

Wer betrĂŒgt, wird belohnt?

Die Profiteure des Abgasbetrugs sollen belohnt werden.

Verkehrsminister Andreas Scheuer will den Verkauf von neuen Dieselfahrzeugen ankurbeln, das kann der Autoindustrie nur recht sein. "Den Besitzern alter Diesel mĂŒssen höchst attraktive Angebote gemacht werden", hat er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gesagt.

Millionen Dieselfahrzeuge wĂŒrden also vorzeitig auf dem Schrott landen. Das klingt nach einer katastrophalen Ökobilanz. In Deutschland hat ein Auto eine durchschnittliche Lebensdauer von neuneinhalb Jahren.

Scheuer hatte sich hartnĂ€ckig dagegen gewehrt, dass die Abgasreinigungstechnik nachtrĂ€glich umgerĂŒstet wird. Diese Haltung ist wahrscheinlich ebenfalls im Sinne der Autohersteller, die lieber Neuwagen verkaufen als an den bereits Verkauften herumzubasteln, noch dazu auf eigene Kosten.

Scheuers vermuteten Handschlag mit der Autolobby spricht zwar keiner aus, aber die Opposition widerspricht. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) stellt sich gegen Scheuers PlÀne. Jetzt legte auch Kanzlerin Merkel ihr Veto ein. Morgen gibt es ein VieraugengesprÀch mit dem Passauer Spitzenpolitiker.

Die Pressemitteilungen des Bundesverkehrsministeriums und Scheuers Sprachrohr, die FAZ, verschleiern geschickt, dass der Verkehrsminister die Verursacher des Dieselskandals nicht unter Druck setzt, sondern ihnen entgegenkommt.

Rund 15,5 Millionen Dieselfahrzeuge sind in Deutschland zugelassen, davon erfĂŒllen 3,8 Millionen die Abgasnorm Euro 6, 5,6 Millionen Euro 5 und 3,1 Millionen Euro 4; die restlichen 3 Millionen sind die die Ă€lteren, schmutzigen Diesel.

GrĂŒnen-Verkehrsexperte Oliver Krischer hat erklĂ€rt, dass nur ĂŒber NachrĂŒstung der Euro-5-Diesel, der grĂ¶ĂŸten Gruppe, das Schlimmste verhindert werden könnte. Scheuer behauptet, dass "bestenfalls zwei Millionen Fahrzeuge technisch nachgerĂŒstet werden“ könnten; nur diesen hĂ€tten Platz fĂŒr den Einbau.

Bei den Diesel-Fahrzeugen der Euro-4-Norm sei der Einbau einer modernen Abgasreinigungsanlage nicht möglich, wird Scheuer zitiert. Und weiter: „Wir sollten in erster Linie nur da nachrĂŒsten, wo es technisch und wirtschaftlich möglich ist. Am meisten Sinn macht das bei Bussen und kommunalen Fahrzeugen."

Hat der Verkehrsminister sein Versprechen schon vergessen, dass er vorantreiben wollte: vorrangig Busse und kommunale Fahrzeuge auf elektrischen Antrieb umzustellen?

Der Abgasskandal wird im Autoland Deutschland oft heruntergespielt und schön gerechnet. Dabei ist die Lage bitterernst: Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof in MĂŒnchen droht der bayerischen Staatsregierung im Abgasstreit in letzter Konsequenz mit Erzwingungshaft gegen AmtstrĂ€ger. Von Audi bis Porsche gab und gibt es Verkaufssperren und RĂŒckrufaktionen.

WĂ€hrend die Politik die Samthandschuhe anzieht, zeigt die Justiz das, was Scheuer so oft beschwört: klare Kante. Der Audi-Vorstandsvorsitzende Rupert Stadler sitzt seit Juni in Untersuchungshaft, der VW-Konzern schluckt widerspruchslos ein Bußgeld von einer Milliarde Euro. Die MĂŒnchner StaatsanwĂ€lte ermittleln gegen BMW, dort werden Tausende hubraumgroße Wagen zurĂŒckgerufen. Hunderttausende RĂŒckrufe gab es bei Mercedes. Porsche-Entwicklungsvorstand Wolfgang Hatz kommt nach neun Monaten Untersuchungshaft gegen drei Millionen Euro Kaution frei, hat Kontaktsperre mit Ex-VW-Chef Martin Winterkorn. Der Sportwagenhersteller will ĂŒberhaupt keine Diesel mehr produzieren.

Der Krimi der Autoindustrie ist der wohl grĂ¶ĂŸte Wirtschaftsskandal der Nachkriegsgeschichte. "FĂŒnfmal Haft, 70 Beschuldigte", fasst das Handelsblatt diesen Sommer des Abgasskandals zusammen. Die Betrogenen sind Millionen deutscher Autofahrer und Leidtragende seit jeher alle diejengen, die am Straßenrand atmen.

Bezahlte BetrĂŒger mit "weißer Weste"
Die BetrĂŒger, die in diesem Krimi stets eine weiße Weste behalten, weil sie fĂŒrs BetrĂŒgen bezahlt werden, sind ĂŒbrigens die Vertreter der Werbebranche. Es werden "Innovationen" angepriesen, die keine sind, der "saubere Diesel" wurde zur grĂ¶ĂŸten LĂŒgenwerbekampagne. Spritschluckende Monstermaschinen werden als Gewinnbringer fĂŒr Freiheit und Abenteuer verkauft. Die Autowerbung spielt mit GefĂŒhlen wie seinerzeit Marlboro mit seinem Cowboy; den ĂŒbrigens der Lungenkrebs dahinraffte. Den Geruch von Freiheit und Abenteuer vermittelt uns nach dem Tabakwerbeverbot nicht mehr der GlimmstĂ€ngel, sondern offenbar das chromverkleidete Abgasrohr.

Dumme Frage: Warum wird Werbung fĂŒr Verbrennungsmotoren eigentlich nicht verboten, wo sie doch nachweislich kaum weniger gesundheitsschĂ€dlich sind als Zigaretten?

Verbraucher haben im Abgasnebel den Durchblick verloren, Politiker auch. Die Giftmischungen, welche Motoren mit fossilen Brennstoffen in die Umwelt entlassen, sind mannigfach.

  • Kohlendioxid, CO2, das Treibhausgas, verantwortlich fĂŒr die ErderwĂ€rmung, hat den Diesel nach vorne gebracht, denn bei den Verbrennungsmotoren sind die durstigeren Benziner das grĂ¶ĂŸere Problem; schwere, PS-starke SUVs haben jedoch den Vorteil der Dieseltechnik zunichte gemacht.
     
  • Stickoxide, die Ă€tzenden Atemgifte, sind in StĂ€dten ein akutes Problem geworden. Sie entstehen vor allem durch den hohen Einspritzdruck moderner Dieselmotoren. Die alten Diesel rußen (Feinstaub), aber produzierten dieses Atemgift kaum. Dieselmotoren erzeugen – bei Turboladern besonders stark – wesentlich mehr Stickoxide als Benziner.
     
  • Feinstaub, das Lungengift, entsteht durch den Abrieb der Reifen und BremsbelĂ€ge oder entlassen die Auspuffrohre alter Diesel ohne Partikelfilter. Viele Autofahrer dĂŒrften sich gar nicht bewusst sein, dass sie in den StĂ€dten mit Kavalierstarts an der Ampel, mit "sportlichem" Fahrverhalten (Vollgas, Vollbremsung) ihr SelbstwertgefĂŒhl steigern, aber den Mitmenschen noch mehr schaden.

Um Irrsinn des Energieverbrauchs zu veranschaulichen, den der Mensch als mobiles Individuum vergeudet, nehme ich gerne dieses Beispiel: Stellen Sie sich eine Ameise vor, die auf die wahnwitzige Idee kĂ€me, sich einen Rucksack ihres zehnfachen Körpergewichts umzuschnallen, um zehnmal schneller voranzukommen als sie laufen kann. Jeder, der alleine sein Auto besteigt, um von A nach B zu kommen, benimmt sich wie diese Ameise. Von ihren bodenstĂ€ndigen Artgenossen wĂŒrde sie wohl als geisteskrank angesehen werden, aber wahrscheinlich auch Bewunderer finden. "Darf ich mir auch Mal Deinen Rucksack ausleihen?" Fazit: Ein schnelles Auto zu fahren ist eine faszinierende, aber eine mit ziemlicher Sicherheit verantwortungslose und unvernĂŒnftige Handlung. Dass es "alle" machen, macht es nicht besser.

Eine Verkehrswende wĂ€re dringender denn je, doch der Aufruf "Wir mĂŒssen die Umwelt schĂŒtzen!" rĂŒhrt die meisten Mobilisten nicht. Sie vernehmen darin den Zwang, individuelle Freiheit und UnabhĂ€ngigkeit aufzugeben, sehen LebensqualitĂ€t schwinden. Es mĂŒsste das Bewusstsein geschĂ€rft werden, dass es um uns selbst geht. Wir haben nach aktueller Perspektive nur diesen Heimatplaneten. Saubere Luft, trinkbares Wasser, unbelastete Nahrung, menschentaugliches Klima sind unverzichtbare Lebensgrundlagen. Der Erde, die Feuer- und Eiskugel war, dĂŒrfte es ziemlch egal sein, ob sie im menschgemachten Treibhausgas erstickt. Im Gegenteil, es könnte ein Befreiungsschlag sein, ihre grĂ¶ĂŸten Ausbeuter abzuschĂŒtteln.

Solange der Mensch das Steinzeitalter der MobilitÀt nicht verlÀsst, unter der Motorhaube ein Feuerchen entfacht, um vorwÀrts zukommen, fÀhrt er mit Vollgas seine Zukunft gegen die Wand.

 
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