Montag, 25. Juni 2018
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Lokalnachrichten >> Mittwoch, 16. Mai 18

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Passau-Hals: Der Flutschutz verwandelt die westliche Uferstraße in eine betonierte, von Mauern beflankte Rampe ähnlich der Ilzstadt. Diese ist Ende der 1960er Jahre für den Hochwasserschutz "totsaniert" worden.
Technischer Hochwasserschutz

"Verbrechen an der Heimat"

Hausfrauen diskutieren am Marktplatz darĂŒber, SchĂŒler teilen es auf dem Handy, Anwohner fragen sich besorgt: „Was kommt da auf uns zu?“ Das Animationsvideo ĂŒber die geplante Flutverbauung im Stadtteil Hals entsetzt die BĂŒrger. Es ist fĂŒr sie der Beweis, dass Rathaus und Wasserwirtschaftsamt ihre GlaubwĂŒrdigkeit verloren haben. Kommt der nĂ€chste Schock bei der Visualisierung der Innpromenade? Auf Infoveranstaltungen werden mit gefĂ€lligen Zeichnungen und abgewogenen Worten die Hochwasserprojekte schöngeredet. 

Das Ziel der Stadtregierung hat der OberbĂŒrgermeister oft genug formuliert: Jetzt so viel Hochwasserschutz wie möglich bauen, denn dieses Geld vom Staat gĂ€be es nie wieder. Um dieses Ziel durchzusetzen, werden schon mal die Argumente gewechselt und Dinge ausgeblendet.

"Verbrechen an der Heimat"
Dieser Hochwasserschutz sei ein „Verbrechen an der Heimat“ hat der Vereinsvorsitzende vom „Forum Passau“, Friedrich Brunner, gestern auf einer Mitgliederversammlung gesagt. Er wird es heute fĂŒrs Mikrofon des Bayerischen Rundfunks wiederholen. Sein hartes Urteil gilt der geplanten Zerstörung des Naturdenkmals „Kastanienallee“, die Parkanlage der Innpromenade. Dies gelte genauso fĂŒr das, was in Hals geschieht, betont er. Das Animationsvideo habe die BĂŒrger geschockt. In Hals seien jedoch keine Aktionen geplant. Mit der Bewahrung der Innpromenade fĂŒhlten sich die Forumsleute an der Spitze der BĂŒrgerinitiative „Rettet die Innpromenade“ genug gefordert.  

Flutmauer in Passau-Hals gegen die Ilz from BĂŒrgerblick on Vimeo.

In Hals hat sich offener Widerstand nie formiert. Dieser abgelegene Stadtteil fĂŒhrt das Eigenleben eines Dorfes. Die Handvoll Hausbesitzer, die den Schutz einfordern, sind lauter als die Gegner. Sie sind gut vernetzt in Vereinen, im Kirchenchor oder im Pfarrgemeinderat. Das Thema "Flutmauer" gefĂ€hrdet die gut funktionierende Dorfgemeinschaft. Man redet besser nicht drĂŒber. AnsĂ€ssige GeschĂ€ftsleute, die gegen den gravierenden Eingriff ins Ortsbild sind, können sich nicht erlauben, offen Position zu beziehen. „Wir wĂŒrden Kundschaft verlieren“, sagt eine VerkĂ€uferin.*

Mauergegner wollen Dorffrieden nicht stören

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Ein ÖDP-Stadtrat spricht nach dem Schock-Video mit dem Lokalfernsehen. Er ist offenbar der einzige Flutmauergegner, der sich vor die Kamera traut. (Photo: BĂŒrgerblick)
An der baumbepflanzten Halser Ilzpromenade, „Esplanade“ genannt, die fĂŒr die geplante Flutmauer weichen muss, hat heute ein Kamerateam vom Lokalfernsehen einen ÖDP-Stadtrat interviewt, der gefĂŒhlt einen einsamen Kampf gegen den Halser Hochwasserschutz fĂŒhrt. Er ist Mitglied im Bund Naturschutz. Als Interviewpartner war ein prominenter Halser BĂŒrger vorgesehen, der die Flutverbauung kritisch sieht. Er hat kurzfristig abgesagt.

Hals, das Video fĂŒhrt es dramatisch vor Augen, wird sein Gesicht, seinen Charme verlieren. Das Ilzer Hochwasser ist eine Flut, die still wie ein See liegt, aber schnell wie ein Pfeil kommt. Das schwarze MoorflĂŒsschen staut sich meterhoch auf, wenn an der MĂŒndung seine starken BrĂŒder Donau und Inn ihre Ellenbogen zeigen. Die Halser haben seit Generationen mit dem Ilzhochwasser gelebt. Wie die AltstĂ€dter richteten sie ihre HĂ€user darauf ein. Die Erdgeschosse im Ernstfall zu rĂ€umen, ist Passauer Routine seit dem Mittelalter. 

Es ist offenbar die neue Generation, die auf den Schutz pocht. „Das sind nicht mehr die alten Hausbesitzer, sondern Erben oder neue KĂ€ufer“, erklĂ€rt ein Bewohner dieses Ilztals, der die Infoveranstaltungen besucht hat. Mauergegner seien dort unerwĂŒnscht gewesen. Seiner Beschreibung nach gĂ€be es drei Familien, die sich besonders lautstark fĂŒr den Hochwasserschutz einsetzten. Sie betrachteten jeden Kritiker als persönlichen Feind.

Am 4. Juni werden die PlÀne festgeklopft
„DarĂŒber mĂŒssen wir diskutieren“, hat OberbĂŒrgermeister JĂŒrgen Dupper nach der PrĂ€sentation in der Stadtratssitzung gesagt. Die Betroffenheit der StadtrĂ€te nach dem Animationsvideo hatte ihn nicht kalt gelassen. Leere Worte? Am 4. Juni soll das Planfeststellungsverfahren beginnen. Gibt es eine weitere BĂŒrgerversammlung? Der Halser Hochwasserschutz an der Ilz ist im Gegensatz zum Hochwasserschutz an der Innpromenade auf der Zielgeraden. „Noch gibt es ein ZurĂŒck“, sagt ein Halser Stadtrat. Zum Beispiel muss das Geld vom Finanzausschuss freigegeben werden. Bei einer Investition mit zweistelliger Millionensumme bleibt fĂŒr die Stadt trotz Förderung ein großer Batzen hĂ€ngen. 

Flutschutz Hals: Kosten verdoppelt?
In April 2014 schrieb die Stadtverwaltung, die Gesamtkosten der Maßnahme wĂŒrden voraussichtlich 5,4 Millionen Euro betragen. Die Stadt Passau trage die HĂ€lfte. Drei Jahre spĂ€ter: Der angebliche Schutz fĂŒr etwa 15 HĂ€user sei nur erreichbar mit einem Aufwand von 10 Millionen Euro, pro Haus 650 000 Euro, kritisiert Naturschutzbund-Vorsitzender Karl Haberzettl. In diesen Kosten seien Straßenausbaukosten nicht eingerechnet. Seine Darstellung blieb offensichtlich unwidersprochen. Nach neuen SchĂ€tzungen könnte das Projekt an die 15 Millionen Euro verschlingen. Hier die PlĂ€ne vom Wasserwirtschaftsamt. 

Hochstein zwei Jahre abgehÀngt?

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Hals an der Ilz. Der Flutschutz wĂŒrde das Ortsbild gravierend verĂ€ndern.
Die rund 200 Einwohner im flussaufwĂ€rts von Hals gelegenen Ortsteil Hochstein befĂŒrchten, dass die Großbaustelle fĂŒr sie zum unzumutbaren Verkehrshindernis auf dem Weg von und zur Stadt wird. Die Ilztalbewohner hĂ€tten zudem auf lange Zeit Staub, LĂ€rm und ErschĂŒtterungen zu ertragen; die Bauzeit sei mit eineinhalb Jahren „sportlich veranschlagt“, es könne lĂ€nger dauern, haben die Zuhörer in der letzten Infoversammlung erfahren. Was viele BĂŒrger verwundert: Probebohrungen wie an der Donau (nördlicher Neumarkt) und Inn (sĂŒdlicher Neumarkt) hat es in Hals bis heute nicht gegeben. "Wenn keiner weiß, wie die geologischen Gegebenheiten sind, wie  können dann Kosten kalkuliert werden?", fragt ein Ingenieur, der im Ilztal wohnt. Hier werde ein Pferd von hinten aufgezĂ€umt. Ähnlich sei die Situation bei der Innpromenade.  

Technischer Hochwasserschutz erfordert Zwangsevakuierung

Die Stadt treibt den Hochwasserschutz voran, sieht die Kostenzusage des Staates als einmalige Chance.

Wollt Ihr lieber das Leben von Menschen auf Spiel setzen, unsere HĂ€user absaufen lassen, im Ernstfall Evakuierungen erzwingen? So fragen die Verteidiger der Flutschutzprojekte provokant. Die Wahrheiten, die dabei ausgeklammert werden:

  • Die Keller hinter der Flutschutzmauer werden nach wie vor absaufen, denn die Pumpen können nur das OberflĂ€chenwasser fernhalten, die HĂ€user bleiben also nicht trocken;
  • Die Passauer Chroniken der Neuzeit kennen keine Flut, in der ein BĂŒrger im Hochwasser umgekommen wĂ€re; das Leben an den drei FlĂŒssen meistern die Passauer im Flutfall offenbar seit Generationen mit Gelassenheit und Routine. Zweifellos hat 2013 die Passauer an ihre Grenzen gebracht, aber ihren Gemeinschaftssinn gestĂ€rkt;
  • Hinter den Flutmauern wird es im Ernstfall kein Leben geben, sondern Stillstand. Aus SicherheitsgrĂŒnden - ein Bruch der mobilen Elemente wĂŒrde zu schlagartigem Wassereinbruch fĂŒhren - mĂŒssen die GebĂ€ude und Straßen der technisch geschĂŒtzten Gebiete evakuiert werden. In den Infoveranstaltungen wird das vielleicht oft zu wenig betont. Die Stadt muss PlĂ€ne zur Zwangsevakuierung erstellen, die es vor dem technischen Schutz ĂŒberhaupt nicht gegeben hat.  

In der BĂŒrgerblickausgabe Nr. 114, April 2018, haben wir eine Reportage dem Halser Hochwasserschutz gewidmet. In KĂŒrze werden wir ihn kostenlos ins Netz stellen. An dieser Stelle ein Dankeschön an alle Leserinnen und Leser, die mit dem Kauf des Magazins am Kiosk oder im Abo unsere Reporterarbeit unterstĂŒtzen.

*zensiert auf Wunsch von Betroffenen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 
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