Donnerstag, 19. Juli 2018
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Bayern >> Mittwoch, 11. April 18

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EW-Versammlung in der IHK: Rosemarie Weber, die Vorsitzende des EW-Trägervereins, steht am Redepult; Thomas Eduard Bauer, Opernsänger und EW-Intendant, sitzt am anderen Ende des Tisches der Funktionäre. (Foto: mediendenk)
PNP-Reporter ermahnt EW-Funktionäre

„Lernen Sie den Mund zu halten und Dinge für sich zu regeln“

Passau - Es war oft von schlaflosen Nächten die Rede und davon, dass man jetzt wieder ruhig schlafen könne. Die Festspiele „Europäische Wochen“, das deutsche kulturelle Flaggschiff des Europagedankens, fast 70 Jahre alt, sind angeblich knapp an der Insolvenz vorbeigeschrammt. Die Vorsitzende des Trägervereins führt dieses Drama als Beleg dafür an, dass der Intendant wohl ein begnadeter Künstler sein mag, aber kein Geschäftsmann; der wiederum vermisst bei seinem Arbeitgeber den Mut zum Aufbruch, hält es mit dem Motto „Wer nichts wagt, der nichts gewinnt“, will den Festspielen ein besseres Profil verpassen, den Verein verjüngen.

Nach der zweieinhalbstündigen MItgliederversammlung dürften viele heute wieder nicht gut schlafen: Thomas Eduard Bauer, der singende Intendant, der mit der Kündigung haderte und ist jetzt vielleicht wieder tut; Rosemarie Weber, die Vereinsvorsitzende und Scheidungsanwältin, die sich laut eigener Darstellung „mit einem Fuß im Gefängnis sah“, wegen des hohen Haftungsrisikos vielleicht an Rücktritt denkt; Peter Kratzer, der Schatzmeister und Kontrolleur, der in seinen Zahlenreihen die auf knapp 2.500 Euro geschmolzene Rücklage des Vereins präsentierte und konstatierte "Wer den Nervenkitzel sucht, sollte sich mit den Finanzen der EW beschäftigen."

Haydn, Mozart, Beethoven. Bauers erste Festspiele waren der Hammer. Das zeigen die Karteneinnahmen. Ein Plus von 63.000 Euro. Eine Steigerung von 20 Prozent. Kratzer hat diesem Erfolg rot eingefärbt die Ausgaben entgegengesetzt, die über das Ziel hinausgeschossen sind: die Künstlergagen, die Raummieten, die Marketingausgaben. Klar, der neue Intendant präsentiert lieber hochkarätige Dirigenten, Solisten und Orchester statt Kindertheater und Babykonzerte; er hat die Außendarstellung der "Europäischen Wochen" komplett umgekrempelt, vom Logo bis zur Netzseite; er hat mangels Festspielhaus die Dreiländerhalle gebucht und mit guter Technik versucht schlechte Akustik wettzumachen. Bauer mag kein Geschäftsmann sein, aber ein Glücksfall für die Kunst. Wer in Zeiten eines bröckelnden Europas den Auftrag der Gründungsväter der „Europäischen Wochen“ fortführen und das Publikum mitreißen will, darf kein Erbsenzähler, wohl aber ein leidenschaftlicher Visionär sein. Ganz wie die Gründungsväter.

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Intendant Bauer spricht. Schatzmeister Kratzer mustert ihn skeptisch. Vizevereinsvorsitzender Freiherr von Moreau faltet die Hände. (Foto: mediendenk)
Bauer stellte seine Agenda vor, wie er die Festspiele voranbringen will. Er erntete Applaus. Er musste diese wichtigen Ausführungen beim letzten Punkt „Sonstiges“ anbringen, nachdem er sich mit erhobenem Zeigefinger zu Wort gemeldet hatte, denn in der Tagesordnung war dafür kein Punkt vorgesehen. Der Intendant und die Vorstandschaft, das wird mit fortschreitendem Abend überdeutlich, sind tief zerstritten. Es fallen Worte, die man hinterher gerne rückgängig gemacht hätte. Denn an die Öffentlichkeit gebracht könnten sie die Festspiele beschädigen, Sponsoren verschrecken. Dabei müssten Staat und Gesellschaft mehr denn je ihr Füllhorn über diesen Verein ausschütten, der unerschütterlich den Aufbau eines vereinten Europa vorangebracht und gepflegt, ja geboren hat zu einer Zeit, als dies eine Idee jenseit jeder Vorstellung war.

Viele Vereinsmitglieder sind überzeugt, dass Bauer der Richtige für den Neustart ist. Sie feiern ihn. Diejenigen, die auf der Seite der Vorstandschaft stehen, misstrauen ihm. Bauers Mahnung, die seit vielen Jahren beabsichtigte Gründung einer gemeinnützigen Gesellschaft endlich umzusetzen, die den Verein von der Haftung entbinden und vielleicht sogar Steuervergünstigungen bringen würde, hören Sie mit Misstrauen: Geht es ihm nur darum die Fesseln der Vereinsstruktur zu sprengen, seine eigene Macht als Geschäftsführer auszubauen? Solche bösartigen Unterstellungen kursieren.

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Nach der Veranstaltung: Rundfunkreporter wollen von Bauer wissen, wie er sich die Zukunft bei den EW vorstellt, loben ihn für sein Durchhaltevermögen. (Foto: mediendenk)
Reporter verlässt seine Rolle
Gegen Ende der Veranstaltung ereignet sich etwas Ungewöhnliches, man könnte es als pressehistorisches Ereignis bezeichnen. Die Sorge, dass die EW sich selbst zerstören, ist irgendwie unerträglich geworden. Ein Reporter, normalerweise in der Rolle des stillen Beobachters, meldet sich zu Wort. Er sei kein Mitglied, danke „beiden Seiten“ für das tiefe Bemühen, die EW voranzubringen und denke, dass Bauer der richtige Mann für dieses Ziel sei, beginnt Journalist Raimund Meisenberger, Leiter des Feuilletons der „Passauer Neuen Presse“, seine Rede. Sie endet mit einem Ratschlag, der dem Streben seiner Zunft, die Dinge ans Licht zu bringen, widerspricht: „Lernen Sie den Mund zu halten und Dinge für sich zu regeln.“

Der Autor dieser Zeilen, der erstmals als Mitglied des Trägervereins eine Mitgliederversammlung verfolgte, war nicht minder aufgewühlt und kurz davor den Reißverschluss seiner Reportertasche aufzuziehen. Ausgerechnet an diesem Abend, es erschien ihm fast schicksalhaft, hatte er einen 500-Euro-Schein einstecken. Ein säumiger Untermieter hatte damit seine Schulden beglichen. Wenn er, der kleine freie Journalist als Vorbild hervorträte, diese Summe spontan spendete, jeder ihm Raum es ihm gleich täte, dann wäre die Einlage für die neue Europäische-Wochen-Gesellschaft geschaffen, ein Grundkapital von 60.000 Euro  - und alle EW-Freunde könnten mindestens ein Jahr lang beruhigt schlafen. So dachte er bei sich. Er war mit diesem Gedanken einer spontanen Spende nicht der Einzige.

Wie die tatsächliche Lösung aussieht? Die Abstimmung über die Gründung einer EW-Gesellschaft wurde auf Herbst vertagt, denn Bauer soll sich offenbar in sparsamer Geschäftstüchtigkeit bewähren. Zwischen Intendant und Vorstand wurde als Puffer und Vermittler ein vierköpfiges Beratergremium geschaltet. Die Lage zwischen den Parteien - hier der Intendant mit seiner Belegschaft, dort der Verein als Arbeitgeber - bleibt angespannt.

Hubert Jakob Denk

Beitrag im BR von Bernd Kellermann.

 
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