Donnerstag, 15. November 2018
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Meinung >> Sonntag, 28. Januar 18

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Mit Baseballschläger und Ketten auf Gewaltorgien aus: David Moorbach (Georgie), Alessandro Scheuerer (Dim), Julian Niedermeier (Alex) und Manuel Karadeniz (Pete). (Fotos: Peter Litvai)
Schauspielpremiere "Clockwork Orange"

Vom Abschaum zum Angepassten

Da warten sie nun auf ihren Auftritt, die b√∂sen Burschen mit Baseballschl√§gern und Ketten, und sind eingesperrt. Unter dem schwarzen Theatervorhang blitzen nur die knallgr√ľnen Enden ihrer Hosenbeine und schwarze Stiefel hervor. Dramatische Musik erklingt in einer Endlosschleife. Als eine Spielleiterin vor den Vorhang ins aufglimmende Scheinwerferlicht tritt, um Entschuldigung bittet, ist dem Publikum klar: Hier ist nicht k√ľnstlich Spannung aufgebaut worden, es liegt an der Technik. Der Theatervorhang klemmt.

‚ÄěClockwork Orange‚Äú, den verst√∂renden Filmklassiker aus den 1970er Jahren, hat das niederbayerische Landestheater mit der Regie von Markus Bartl mit packender Rohheit auf die B√ľhne gebracht. Der 25-j√§hrige Julian Niedermeier spielt als Bandenf√ľhrer Alex seine erste gro√üe Hauptrolle. Er ist der Filmfigur wie aus dem Gesicht geschnitten, aber darin liegt es nicht, dass er zum Schluss den gr√∂√üten Beifall erh√§lt. Gef√ľhlloser Menschenschinder, geschundenes Menschenkind -  sein Einsatz ist gro√üartig, er geht an seine k√∂rperlichen Grenzen.

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Gehirnwäsche im Klinikbett: Kranke Filme, von denen er sich nicht abwenden darf, sollen den kranken Kerl Alex heilen: Antonia Reidel (Dr. Branom), Julian Niedermeier (Alex), Ella Schulz (Pflegerin), Joachim Vollrath (Dr. Brodsky)
Bartl hat versucht, Szenen entfesselter Gewalt, in denen Gesichter zerschlagen und Knochen gebrochen werden, ertr√§glicher zu gestalten. Er verr√§t die Tricks der B√ľhne. Die Schl√§ger werfen ihren Opfern Beutel mit Kunstblut zu, damit diese die rote Fl√ľssigkeit im Takt der Schl√§ge selbst verspritzen; wenn sie Knochen brechen, zeigen sie dem Publikum, dass sie das Knackger√§usch mit Kanth√∂lzchen erzeugen.

Es war absehbar, dass sich ein Dutzend Zuschauer nach der technischen Zwangspause oder sp√§testens zur Halbzeit verabschiedet. Wenn auf der B√ľhne vergewaltigt und onaniert wird, st√∂√üt das diejenigen ab, denen sich der Sinn dieser Darstellungen nicht erschlie√üt. Wer den Film jedoch kennt, ist beeindruckt von der B√ľhnenumsetzung, von der starken Leistung der Akteure, der punktgenauen Choreografie, den grellen, bunten Kost√ľmen, dem schlichten, aber wirkungsvollen B√ľhnenbild.

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Alex, der sich eines Mordes schuldig gemacht hat, wird von seinem enttäuschten Jugendamtsbetreuer misshandelt und in die Mangel genommen: Joachim Vollrath (Deltoid), Julian Niedermeier (Alex).
Im britischen Original der Romanvorlage von Anthony Burgess ist f√ľr Alex, dem Abschaum der Gesellschaft, ein Happyend vorgesehen. Der grausame Bursche, der mit grausamer Gehirnw√§sche zum guten Menschen geformt werden soll, wird nach einem Selbstmordversuch, einem Sturz aus dem Fenster, r√ľckf√§llig. Doch letztendlich gelingt ihm im letzten Kapitel aus eigenem Antrieb der Zugang zu einem gewaltfreien, zufriedenen Leben. Er ist gereift.

Die amerikanischen Buchverlage, in der Folge auch die verfimte Version von Stanley Kubrick, haben das letzte Kapitel gestrichen. Das pessimistische Ende vertuscht, dass der freiheitsliebende Autor seinen Finger nicht allein auf Alex, sondern auf Staat und Gesellschaft richten will. Bartls B√ľhnenfassung entl√§sst Alex und die Zuschauer mit dem Happyend des Originals. Mehr noch: Sie fokussiert die Kritik an Staat und Gesellschaft mit dem Paradebeispiel eines repressiven Regimef√ľhrers. Zwischen den Gewaltszenen l√§sst die Regie eine Figur in der Maske des Pr√§sidenten von Turkmenistan vor den Vorhang treten, Gurbanguly Berdimuhamedow. Ein Despot mit Dauerl√§cheln, der Vaterlandsliebe und Treue zur Heimat als unabdingbare Tugenden predigt. Wenn ein Heranwachsender diese Tugenden nicht pflegt, nicht von Kindesbeinen an verinnerlicht, wird er ausgesto√üen, sagt der Mann im Diktatorendress.

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Alex hat seine böse Vergangenheit abgestreift und sich angepasst. Mit Anzug und Krawatte tritt er im Schlussbild mit Freundin auf: Julian Niedermeier (Alex), Ella Schulz (Marty)
Die Reparatur der B√ľhnenvorhangaufzugsmaschine hatte eine gute halbe Stunde gedauert. Um das Publikum bei Laune zu halten, wurde von der Theaterleitung der Sturm auf die Bar ausgerufen: ‚ÄěGratis Sekt f√ľr alle!‚Äú  Auch ohne Panne und Freigetr√§nk verspricht "Clockwork Orange" ein besonderes Theaterlebnis: acht Schauspieler, von denen manche in ebenso viele Rollen schl√ľpfen, erzeugen mit entschlossenem Einsatz Ekel, Abscheu und Mitgef√ľhl.

Hubert Jakob Denk

 



 

 
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