Montag, 20. August 2018
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Meinung >> Sonntag, 28. Januar 18

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Mit Baseballschläger und Ketten auf Gewaltorgien aus: David Moorbach (Georgie), Alessandro Scheuerer (Dim), Julian Niedermeier (Alex) und Manuel Karadeniz (Pete). (Fotos: Peter Litvai)
Schauspielpremiere "Clockwork Orange"

Vom Abschaum zum Angepassten

Da warten sie nun auf ihren Auftritt, die bösen Burschen mit BaseballschlĂ€gern und Ketten, und sind eingesperrt. Unter dem schwarzen Theatervorhang blitzen nur die knallgrĂŒnen Enden ihrer Hosenbeine und schwarze Stiefel hervor. Dramatische Musik erklingt in einer Endlosschleife. Als eine Spielleiterin vor den Vorhang ins aufglimmende Scheinwerferlicht tritt, um Entschuldigung bittet, ist dem Publikum klar: Hier ist nicht kĂŒnstlich Spannung aufgebaut worden, es liegt an der Technik. Der Theatervorhang klemmt.

„Clockwork Orange“, den verstörenden Filmklassiker aus den 1970er Jahren, hat das niederbayerische Landestheater mit der Regie von Markus Bartl mit packender Rohheit auf die BĂŒhne gebracht. Der 25-jĂ€hrige Julian Niedermeier spielt als BandenfĂŒhrer Alex seine erste große Hauptrolle. Er ist der Filmfigur wie aus dem Gesicht geschnitten, aber darin liegt es nicht, dass er zum Schluss den grĂ¶ĂŸten Beifall erhĂ€lt. GefĂŒhlloser Menschenschinder, geschundenes Menschenkind -  sein Einsatz ist großartig, er geht an seine körperlichen Grenzen.

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GehirnwÀsche im Klinikbett: Kranke Filme, von denen er sich nicht abwenden darf, sollen den kranken Kerl Alex heilen: Antonia Reidel (Dr. Branom), Julian Niedermeier (Alex), Ella Schulz (Pflegerin), Joachim Vollrath (Dr. Brodsky)
Bartl hat versucht, Szenen entfesselter Gewalt, in denen Gesichter zerschlagen und Knochen gebrochen werden, ertrĂ€glicher zu gestalten. Er verrĂ€t die Tricks der BĂŒhne. Die SchlĂ€ger werfen ihren Opfern Beutel mit Kunstblut zu, damit diese die rote FlĂŒssigkeit im Takt der SchlĂ€ge selbst verspritzen; wenn sie Knochen brechen, zeigen sie dem Publikum, dass sie das KnackgerĂ€usch mit Kanthölzchen erzeugen.

Es war absehbar, dass sich ein Dutzend Zuschauer nach der technischen Zwangspause oder spĂ€testens zur Halbzeit verabschiedet. Wenn auf der BĂŒhne vergewaltigt und onaniert wird, stĂ¶ĂŸt das diejenigen ab, denen sich der Sinn dieser Darstellungen nicht erschließt. Wer den Film jedoch kennt, ist beeindruckt von der BĂŒhnenumsetzung, von der starken Leistung der Akteure, der punktgenauen Choreografie, den grellen, bunten KostĂŒmen, dem schlichten, aber wirkungsvollen BĂŒhnenbild.

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Alex, der sich eines Mordes schuldig gemacht hat, wird von seinem enttÀuschten Jugendamtsbetreuer misshandelt und in die Mangel genommen: Joachim Vollrath (Deltoid), Julian Niedermeier (Alex).
Im britischen Original der Romanvorlage von Anthony Burgess ist fĂŒr Alex, dem Abschaum der Gesellschaft, ein Happyend vorgesehen. Der grausame Bursche, der mit grausamer GehirnwĂ€sche zum guten Menschen geformt werden soll, wird nach einem Selbstmordversuch, einem Sturz aus dem Fenster, rĂŒckfĂ€llig. Doch letztendlich gelingt ihm im letzten Kapitel aus eigenem Antrieb der Zugang zu einem gewaltfreien, zufriedenen Leben. Er ist gereift.

Die amerikanischen Buchverlage, in der Folge auch die verfimte Version von Stanley Kubrick, haben das letzte Kapitel gestrichen. Das pessimistische Ende vertuscht, dass der freiheitsliebende Autor seinen Finger nicht allein auf Alex, sondern auf Staat und Gesellschaft richten will. Bartls BĂŒhnenfassung entlĂ€sst Alex und die Zuschauer mit dem Happyend des Originals. Mehr noch: Sie fokussiert die Kritik an Staat und Gesellschaft mit dem Paradebeispiel eines repressiven RegimefĂŒhrers. Zwischen den Gewaltszenen lĂ€sst die Regie eine Figur in der Maske des PrĂ€sidenten von Turkmenistan vor den Vorhang treten, Gurbanguly Berdimuhamedow. Ein Despot mit DauerlĂ€cheln, der Vaterlandsliebe und Treue zur Heimat als unabdingbare Tugenden predigt. Wenn ein Heranwachsender diese Tugenden nicht pflegt, nicht von Kindesbeinen an verinnerlicht, wird er ausgestoßen, sagt der Mann im Diktatorendress.

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Alex hat seine böse Vergangenheit abgestreift und sich angepasst. Mit Anzug und Krawatte tritt er im Schlussbild mit Freundin auf: Julian Niedermeier (Alex), Ella Schulz (Marty)
Die Reparatur der BĂŒhnenvorhangaufzugsmaschine hatte eine gute halbe Stunde gedauert. Um das Publikum bei Laune zu halten, wurde von der Theaterleitung der Sturm auf die Bar ausgerufen: „Gratis Sekt fĂŒr alle!“  Auch ohne Panne und FreigetrĂ€nk verspricht "Clockwork Orange" ein besonderes Theaterlebnis: acht Schauspieler, von denen manche in ebenso viele Rollen schlĂŒpfen, erzeugen mit entschlossenem Einsatz Ekel, Abscheu und MitgefĂŒhl.

Hubert Jakob Denk

 



 

 
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