Donnerstag, 19. Juli 2018
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Regionales >> Montag, 30. April 18

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Stickstoffdioxid-Messung in der Schmiedgasse: Lehrer Bernd Sluka, Vorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland, demonstriert an einer Dachrinne, wie er seine heimlichen Messeinrichtungen im Stadtgebiet angebracht hat in sicherer Höhe. (Foto: Tobi Köhler)
Atemgift

Was das Rathaus nicht wissen will

4. April 2005. An diesem Tag hat sich die LuftqualitĂ€t fĂŒr die Passauer BĂŒrger schlagartig verbessert. Auf dem Papier. Die LuftgĂŒtemessstation des Bayerischen Landesamtes fĂŒr Umwelt ging westlich des Winterhafens in Betrieb. Zuvor war diese Luftmessstation zweieinhalb Kilometer weiter stadteinwĂ€rts auf dem Kleinen Exerzierplatz positioniert. Dort hatte es handlungsbedĂŒrftige Überschreitungen beim Feinstaub gegeben, die wahrscheinlich mit dem damaligen unbefestigten Großparkplatz zusammenhingen. Aber: Um die tatsĂ€chlichen Konzentrationen der anderen Atemgifte wussten ab diesem Tag die Passauer BĂŒrger nicht mehr Bescheid. Ein Vertreter vom Verkehrsclub Deutschland will die Wahrheit zurĂŒckholen. Er hat dazu neben der staatlichen Station sein rundes MesskĂ€stchen am Lichtmast neben dem Verkehrsschild angebracht. Lesen Sie seine Erkenntnisse.

Nachtrag: Neue Messungen der Deutschen Umwelthilfe haben bestĂ€tigt, dass auch in Passau Handlungsbedarf besteht. Ein Antrag der GrĂŒnen im Rathaus wurde in die Fraktionenn verwiesen, bis die Stadt eigene, offizielle Messungen vornimmt, zieht sich hin.

MĂ€rz 2018
MESSSUNGEN VON UMWELTHILFE UND VERKEHRSCLUB : Dieselabgase: So siehtÂŽs in Passau aus

 

Warum sich sorgen? Die Stadt Passau veröffentlichte kĂŒrzlich die Ergebnisse der Luftmessungen des Bayerischen Landesamt fĂŒr Umwelt. Die erfreuliche Bilanz: Die Schadstoffbelastung ist weitaus geringer als noch zur Jahrtausendwende. Hurra, wir können aufatmen? Leider nein. Warum die Werte beruhigend sind, aber keine Aussagekraft zur Passauer Stadtluft haben: Die Messstation ist 2005 an den Stadtrand verlegt worden.

RĂŒckblick in die giftige Zeit: 1995 wurden an der Mariahilfstraße in der Innstadt die höchsten Stickoxidwerte in ganz Bayern gemessen, selbst der Stachus in MĂŒnchen war weniger belastet. Zehn Jahre spĂ€ter war das alles kein Thema mehr. Die Bezirksregierung sah sich nicht mehr gezwungen, der Stadt Passau lokale Messreihen zu verordnen. Seit die Luftmessstation an den Stadtrand jenseits des Winterhafens verlegt worden ist, sind die GrenzwertĂŒberschreitungen passĂ©. Es besteht kein Handlungsbedarf mehr. Das Rathaus verkĂŒndete jĂ€hrlich die MĂ€r von der verbesserten LuftqualitĂ€t.

Bernd Sluka, buschige Augenbrauen, zum Zopf gebundene ergraute Haare, steckt sich einen kleinen Seitenspiegel an die Brille, wenn er mit seinem Liegerad durch die Stadt fĂ€hrt. Umweltfreundliche Fortbewegung ist seine Passion. Anfang der 1990er Jahre grĂŒndete der heute 56-JĂ€hrige den Kreisverband Passau des „Verkehrclubs Deutschland“ (VCD), der sich fĂŒr „menschen- und umweltfreundlichen Verkehr“ einsetzt. Seit 2003 leitet er den bayerischen Landesverband.

„Wie gut die Stadtluft ist, das hat jahrzehntelang niemanden so richtig interessiert“, sagt er. Dann kamen die europĂ€ischen Grenzwerte und der Dieselskandal. Die Ärzte hatten all die Jahre vergeblich Alarm geschlagen. Die Beweise sind schwierig, denn Atemwegs-und Krebserkrankungen lassen sich nicht unmittelbar zuordnen.

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Stelzhamer Straße: Auf einem BetonhĂ€uschen wird die LuftgĂŒte gemessen. Die Werte haben keine Aussagekraft zum Atemgift im Stadtverkehr. (Foto: Hubert Denk)
„Wir denken bei Umweltverschmutzung zuerst an die Umwelt, aber nicht an unsere eigene Gesundheit“, ich warnt Dr. Philip Landrigan, einer der fĂŒhrenden US-Mediziner, der die Auswirkungen von Umweltgiften auf Kinder erforscht. Er gehört der Kommission von 47 Wissenschaftlern an, die im Auftrag der EU, der UNO und verschiedener europĂ€ischer und amerikanischer Ministerien die „Lancet“-Studie erstellten. Einen Tag lang beherrschten ihre Ergebnisse die Nachrichten:  Durch Schadstoffe in der Luft, im Wasser oder im Boden sterben 15-mal mehr Menschen als durch Kriege. Auf Deutschland heruntergerechnet: 60.000 Tote durch Umweltkrankheiten pro Jahr, so viele, als tobte bei uns der syrische BĂŒrgerkrieg.
„In den Medien erhalten Seuchen und Krankheiten die Aufmerksamkeit, welche die Menschen schnell dahinraffen. Der schleichende Tod durch Umweltgifte wird ausgeblendet, vergessen“, sagt Landrigan.

FĂŒnf Tag bevor die Veröffentlichung der „Lancet“- Studie kurz die Welt erschreckte, war im Medienzentrum der „Passauer Neue Presse“ ein Mann auf das Podium getreten und hatte verkĂŒndet, der Diesel sei sauber. Man könne auch in den nĂ€chsten Jahrzehnten nicht auf den Verbrennungsmotor verzichten. Es war VW-Konzern-Chef Matthias MĂŒller, Ehrengast bei „Menschen in Europa“. (Nachtrag: Sein Abgang steht fĂŒnf Monate spĂ€ter bevor)

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Mariahilfstraße: Dies ist die schmutzigste Ecke der Stadt, gemessen an der LuftqualitĂ€t. Viel Verkehr, in der HĂ€userschlucht sammeln sich die Abgase der Verbrennungsmotoren. Benzol und Stichstoffdioxid erreichen hier die höchsten Werte. (Foto: Tobi Köhler
Richtig ist, dass ihm einige wenige Zuhörer applaudierten. Falsch ist, dass es einen Zwischenruf gab, MĂŒller solle sich mit seinem sauberen Diesel doch in die Garage stellen, den Motor laufen lassen und das Tor schließen und dann erzĂ€hlen, wie lange er es ausgehalten hat.

Sluka, von Beruf Lehrer fĂŒr Mathematik und Physik, kann nicht aushalten, dass die Stadt Passau mit ihrer „Politik des Aussitzens“ die mangelnde SchadstoffĂŒberwachung hinnimmt. Bei einer Umwelttagung in Wuppertal im FrĂŒhjahr, es ging um die Gerichtsurteile zur Stickoxidbelastung in GroßstĂ€dten, lernt er Aktivisten von „Green City“ kennen. Die hatten mit so genannten Passivsammlern, kleinen Messröhrchen, die Durchschnittskonzentration von Stickstoffdioxid in 50 verschiedenen Stellen in MĂŒnchen gemessen.  Sie belegten, dass das Problem flĂ€chendeckend ist. Der Landeshauptstadt droht ein Dieselfahrverbot ab 2018.

Nach dem Vorbild von „Green City“ hat Sluka in diesem Herbst seine eigene Messreihe in Passau begonnen. „Das Landesamt fĂŒr Umwelt hat bei seinen flĂ€chendeckenden Erhebungen zum Luftreinhalteplan mit Ă€hnlichen Methoden gearbeitet“, weiß er. Die Messröhrchen seien erschwinglich, 15 Euro inklusive Auswertung. Die Untersuchung erledigt ein Schweizer Labor. „Mindestens zwei Wochen mĂŒssen die Messröhrchen hĂ€ngen, umso lĂ€nger, desto genauer die Ergebnisse“, erklĂ€rt Sluka. Die StĂ€bchen ermitteln den Jahresmittelwert fĂŒr Stickstoffdioxid, das gefĂ€hrlichste Atemgift.

Zum Schutz der menschlichen Gesundheit wurde europaweit fĂŒr Stickstoffdioxid der 1-Stunden-Grenzwert von 200 Mikrogramm pro Kubikmeter festgelegt, der nicht öfter als 18-mal im Kalenderjahr ĂŒberschritten werden darf. Der Jahresgrenzwert betrĂ€gt 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Zum Schutz der Vegetation wird ein kritischer Wert bereits von 30 Mikrogramm pro Kubikmeter als Jahresmittelwert fest angesehen.

Das Umweltbundesamt schreibt:  Stickstoffdioxid, kann Pflanzen schĂ€digen und unter anderem ein Gelbwerden der BlĂ€tter (sog. Nekrosen), vorzeitiges Altern und KĂŒmmerwuchs bewirken. Zudem trĂ€gt Stickstoffdioxid zur ÜberdĂŒngung und Versauerung von Böden und in geringem Maße auch von GewĂ€ssern bei.

Stickstoffdioxide sind die Nummer eins unter den Schadstoffen in StĂ€dten. Sie entstehen wenn Öl, Holz, Gas oder Kohle verbrannt wird. Vor allem Diesel- und Verbrennungsmotoren erzeugen das fĂŒr den Menschen auf Dauer gefĂ€hrlichens Giftgas. Selbst modernste Diesel-Fahrzeuge der Schadstoffklasse „Euro 6“ stoßen ein Vielfaches (ĂŒber Faktor 10) an Stickstoffdioxid aus als ein vergleichbarer Benziner. Es greift Lunge, Bronchien und SchleimhĂ€ute an. Kurios: Stickoxide kommen in der Natur so gut wie nie vor, außer der Mensch erzeugt sie durch Verbrennung fossiler Stoffe.

Die Passauer GrĂŒnen fordern, dass die Messstation ins Stadtzentrum zurĂŒck verlegt wird, in die Nikolastraße. Die treibende Kraft ist Stadtrat Karl Synek.  Er zweifelt an der GlaubwĂŒrdigkeit der Stadt. Schon 2005 sah er die „verlogene Entwicklung“ voraus, stellte einen Antrag beim Bayerischen Landesamt fĂŒr Umwelt und blitzte ab. Man hĂ€tte sich im Einvernehmen mit der Stadt auf diesen Standort geeinigt, lautete die Antwort, die er damals bekam. Mit Fingerzeig auf den bevorstehenden Bau der Neuen Mitte, ging man von einer Verminderung des Verkehrs rund um die Nikolastraße aus. Das war ein Trugschluss. Jetzt unternimmt er seinen zweiten Anlauf. Die Nikolasstraße als Standort bleibt Favorit.  Hier hĂ€tte die Schadstoffmessung seiner Meinung nach eine Bedeutung. Es reihen sich die Hauptschule St.  Nikola, ein Kindergarten, die StadtbĂŒcherei, die Handwerkskammer.

Bernd Sluka, der „Green City“-Aktivist von Passau, bestellte ein Dutzend Messrröhrchen und die handflĂ€chengroßen grauen runden KĂ€stchen, in welche die Messröhrchen witterungsgeschĂŒtzt gesteckt werden. Dann zog er los mit Kabelbinder und kleiner Trittleiter, damit er seine Messstationen weit ĂŒber Griffhöhe von Passanten und Neugierigen befestigen kann. Am Schanzl befestigte er sein KĂ€stchen an einem Ampelmast, in der Schmiedgasse an einer Dachrinne, in der Kapuzinerstraße an einem Straßenlaternenmast. „Man muss den kleinen Stöpsel herausziehen, dann sind sie aktiviert“, erklĂ€rt er.

Die ersten beiden Messpunkte setzte er in der Mariahilfstraße und in der Freyunger Straße, den verkehrsgeplagten Stellen der Innstadt und Ilzstadt. Als das Schweizer Labor die Auswertung zurĂŒckschickte, fĂŒhlte er sich bestĂ€tigt und motiviert, weiterzumachen. Mit 61,5 und 41,7 Mikrogramm pro Kubikmeter waren die Grenzwerte ĂŒberschritten. Er verglich die Messwerte mit den offiziellen Daten, welche die staatliche LuftgĂŒte-Messstation der Stelzhamerstraße geliefert hatte sie lagen weit darĂŒber.

In einer zweiten Messreihe setzte er eine eigene Messstation neben der amtlichen in der Stelzhamerstraße, um einen Referenzwert zu erhalten. Der Blick auf die Auswertung zeigte doch dies: Alle zentrumsnahen Messungen ergaben deutlich höhere Werte als die „Frischluftstation“ an der Stelzhamerstraße. Die Ilzstadt und die Innstadt dĂŒrfen sich traurigerweise mit den Metropolen messen. Es droht ein Diesel-Fahrverbot.

Der VCD-Mann hat sich dazu schon Gedanken gemacht. „FĂŒr das aktuell diskutierte Lkw-Problem in der Innstadt gibt es Lösungen“, schreibt er. Ein Ansatz wĂ€re City-Logistik, bedeutet große Lkw laden am Stadtrand ihre Waren auf kleine Transporter um, die dann gezielt die GeschĂ€fte beliefern. „Damit fĂ€hrt nicht mehr zu jedem Laden ein eigener großer Sattelschlepper und es wĂ€re sogar möglich, fĂŒr diese City-Lieferungen Elektrofahrzeuge einzusetzen.“

Der Selbstbetrug des Rathaus könnte ĂŒbrigens Ă€rgerliche Folgen haben. Einen Geldtopf von 1 Milliarde Euro will der Bund fĂŒr schadstoffgeplagte Gemeinden zur VerfĂŒgung stellen. LĂŒgt sich Passau weiter selbst in die Tasche, misst weiter an der falschen Stelle, bekĂ€me sie nichts von dem Geld und verpasste die Chance, den BĂŒrgern die Chance auf eine saubere Luft zu ermöglichen.

Als der Dieselskandal und die Luftverschmutzung durch Stickstoffdioxid im Sommer großes Nachrichtenthema war, hat dieses Magazin an das Rathaus folgende Anfrage gestellt: Wie stellt sich die Stadt Passau diesem Problem, welche Maßnahmen sind geplant?

Antwort: „Die LuftqualitĂ€t wird mittels Messstationen, die vom Freistaat Bayern aufgestellt und vom Landesamt fĂŒr Umwelt betrieben werden, gemessen. Bei der Stickoxidbelastung liegt der Grenzwert bei einem Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm je Kubikmeter. Der Wert in Passau lag in den letzten Jahren jeweils bei 30, also weit unter dem Grenzwert Tendenz gleich - bleibend. Angemerkt sei auch, dass wir diesen Grenzwert seit 2005 kein einziges Mal ĂŒberschritten haben.“ Seit zwölf Jahren entzieht sich das Rathaus der Verantwortung.  

Beitrag erschienen im Heft Nr. 110/ November 2017

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