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Platznot auf Station 3: Räume verstellt mit Gitter- und Elternbetten. (Foto: privat)
Aus Kinderklinik geflĂĽchtet

"Dritte Welt im Dritten Orden"

Ein junges Ehepaar mit krankem Baby hat nach einer „katastrophalen Nacht“ in der Passauer Kinderklinik das Krankenhaus gewechselt. Es begann mit einer Notunterkunft im Computerraum und endete im überfüllten Zimmer zwischen Infektionspatienten.

Die kleine Alina stand abends um 8 Uhr in ihrem Kinderbett, hustete und röchelte. Schwere Atemnot. Die jungen Eltern im Alarmzustand. Griff zum Telefon. Dann rast das Innviertler Ehepaar mit der Kleinen in die nächstgelegene Krankenhaus: Passau, Kinderklinik, Bischof-Altmann-Straße.

Die katholische Einrichtung, ein Ableger des „Dritten Ordens“ in München, rührt seit Herbst 2013 kräftig die Werbetrommel für Spendengelder. Chefarzt Dr. Matthias Keller hat sich drei Millionen Euro zum Ziel gesetzt, um Deutschlands Vorzeigekinderklinik zu führen. Sein Credo: die perfekte Eltern-Kind Betreuung. „Großteils Einzelzimmer mit integriertem Elternbereich und WC“, so ist es laut Werbeauftritt der Spendenkampagne „konkret geplant“.

Eine altmodische Rezeption, ein altes Kinderkarussell, der Flur vollgepackt mit groĂźen bunten Legosteinen, die den Namen der Spender tragen. „Einen modernen Eindruck macht das Krankenhaus nicht“, sagt der Vater. Aber es habe gut angefangen: Die diensthabende junge Ă„rztin der Erstaufnahme kĂĽmmert sich rĂĽhrend um die kleine Patientin, sorgt fĂĽr freie Atemwege. Diagnose: Pseudokrupp, eine Säuglingskrankheit mit entzĂĽndeten Atemwegen. Schlaf sei jetzt das Allerwichtigste, habe die Ă„rztin gesagt.

Aber beim Wunsch der Eltern nach einem ruhigen Einzelzimmer muss sie passen. „Es geht gerade sehr zu“, meint sie. „Mein wichtigstes Anliegen ist, dass meine Frau mit dem Baby zur Ruhe kommt, ungestört schlafen kann“, sagt der Ehemann. Er pocht darauf, weil er für seine Familie extra eine Zusatzversicherung abgeschlossen hat.

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Notbett für Mutter und Kind: abgeschoben in den Arbeitsraum der Stationssekretärin. (Foto: privat)
Es kommt schlimmer als sie es sich je hätten vorstellen mögen.  Ein Rollbett wird auf Station 3 in einen kleinen, fensterlosen Raum geschoben. Darauf können sich Mutter und Baby zur Ruhe betten.  Eine Abstellkammer? Ein Technikraum? Das ist zunächst nicht ganz klar. An Tischen hängen weiĂźe TĂĽcher ĂĽber Geräten. Es gibt ein Oberlicht zum Nebenraum. Dort steht offenbar der Medikamentenschrank. „Licht an, Licht aus so ging es die ganze Nacht“, berichtet später die Mutter. Irgendwann nach 1 Uhr sei sie mit der Kleinen eingeschafen.

Um 6.30 Uhr werden sie unsanft geweckt. Eine Frau tritt herein, nimmt die Tücher ab, darunter verbergen sich Bildschirm und Tastatur. Der Rechner brummt, die Tasten klimpern. „Können Sie das nicht später machen?“, bittet die Mutter. Kann sie nicht. Klinikleiter Keller, der an diesem Tag auf Fortbildung war, wird später erklären: „Das ist der Arbeitsplatz der Stationssekretärin für Entlassungen“.

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Leiter der Klinik: Chefarzt Dr. Matthias Keller (Foto: Tobias Köhler)
Es wird keine drei Stunden mehr dauern, dann wird das Innviertler Ehepaar um Entlassung beten. Denn beim Wechsel in ein Vierbett-Tageszimmer kommt ihr krankes Baby wieder nicht zum Schlafen: Eine Mutter mit zwei hellwachen Kindern als Nachbarn, dann wird ĂĽberraschend ein fĂĽnftes Bett mit einem neuen Patienten hereingeschoben.

Im Flur vor dem Zimmer spielt ein kleiner Infektionspatient, der dort nichts zu suchen hat. „Infektionszimmer mit Zutrittsverbot und normale Krankenzimmer wechseln sich auf diesem Flur ab“, erzählt der Vater entsetzt. „Ich fĂĽhlte mich in ein Dritte-Welt-Land versetzt.“ Sie ziehen am selben Tag um ins Kinderkrankenhaus nach Ried im Innkreis.  â€žEinzelzimmer, Chefarztbehandlung- alles passt“.

In Passau: Vier Jahre Spendenkampagne, mehr als 2,5 Millionen Euro eingenommen. Am 17. November wird ein „Neubau“ eingeweiht, der keiner ist. Die Kapazität wächst um neun Betten, der Komfort bleibt wohl der alte.

Nachtrag: Der Klinikleiter stellt es als eine unglĂĽckliche Verkettung von Umständen dar. 

Beitrag erschienen in BĂĽrgerblick Heft Nr. 110/ November 2017.

 
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