Montag, 18. Dezember 2017
·
·

Bayern >> Mittwoch, 29. November 17

Gestörte Störer

Arme AfD!

In Passau lĂ€uft vieles anders als im Rest der Republik. Auch fĂŒr die AfD. Man könnte mit der blauen Partei fast Mitleid haben, denn mit ihrem Merkelprotest beim Kanzlerauftritt hatte sie wirklich einen schweren Stand. Anfangs wurde ihre Kundgebung von Antifa-Aktivisten gestört, zum Schluss ihr Protest vor der MerkelbĂŒhne von FlĂŒchtlingen ausgebremst. Lesen Sie dazu diesen Report.

17.30 Uhr: Mit Panzerband befestigt Robert Schregle eine Deutschlandflagge am Stativ eines Lautsprechers. FĂŒr den AfD-Direktkandidaten ist es ein großer Tag. Er steht im Mittelpunkt einer Anti-Merkel-Kundgebung. Heute kommt die Kanzlerin nach Passau. Den Prospekt seiner RednerbĂŒhne bildet ein weißer Kleintransporter, dessen Seitenwand mit einem Großplakat beklebt ist. Durch den spĂ€rlichen Schlitz eines schwarzen Gesichtsschleiers blickt ein Augenpaar, „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ steht darunter. Hinter dem Kleintransporter beginnt die Polizeiabsperrung. Sechs Polizeifahrzeuge sĂ€umen den Veranstaltungsort, fĂŒr den die Partei unter dem Motto „Merkel muss weg!“ 200 Teilnehmer angekĂŒndigt hat. Es werden weniger als ein Drittel kommen.

AfD-Quereinsteiger im Stadtrat
Die AfD ist in der ehemaligen FlĂŒchtlingshochburg Passau eher schwach vertreten. Im Passauer Stadtrat, 44 Mitglieder, sitzt als einziger AfD-Vertreter ein Zahnarzt. Er hat ursprĂŒnglich als Mitglied der rechten Gruppierung „Pro Passau“ das Mandat bekommen, ein AfD-Quereinsteiger. Ihm wurde bei den Sitzungen im Großen Rathaussaal, vom Zuschauerraum aus gesehen, ein einzelner Tisch in der hinteren rechten Ecke zugewiesen, der ursprĂŒnglich den Rathausreportern vorbehalten war.

17.40 Uhr: Vorbeieilende Passanten halten in der Bahnhofstraße kurz inne, um Schregle, dem AfD-Mann im knallblauen Pullover beim Aufbau zuzusehen. Ein aufmerksamer Beobachter hat sich auf der anderen Seite des Ludwigsplatzes postiert, Josef Ilsanker, der Direktkandidat der Linken. Er verfolgt von der Freitreppe der Volksbank aus das Treiben im Umfeld des weißen Lieferwagens. Er sei heute als Privatperson der und beobachte aus Distanz, sagt er. Er leitet den „Runden Tisch gegen Rechts“ in Passau, von dem, wie er betont, keine Aktion geplant sei. „Wir möchten uns von keiner politischen Seite instrumentalisieren lassen“, erklĂ€rt Ilsanker. Es dĂŒrfte ihm spĂ€ter aufgefallen sein, dass einige wenige junge MĂ€nner auftauchen, vereinzelt und in GrĂŒppchen, die selbst bei flĂŒchtigem Blick dem linken Spektrum zugeordnet werden können.

17.55 Uhr: Zuschauer in der GrĂ¶ĂŸe von etwa zwei Schulklassen haben sich innerhalb der Polizeiabsperrung eingefunden. Schregle verteilt Plakate und Fahnen. Die HĂ€nde, die sich ihm entgegenstrecken, die dieses Material danach eifrig hochhalten oder schwenken, gehören meistens MĂ€nnern mittleren Alters. „Unser Land, unsere Regeln!“, steht auf blauer Pappe oder „Merkel verspielt unsere Zukunft!“ Zu den Plakaten gesellen sich Deutschland- und Bayernflaggen.

18.05 Uhr: Elke Brunner, Kreisvorsitzende der AfD, eröffnet die Kundgebung vor dem nun etwa 90 Anwesenden, darunter ein Dutzend Polizisten. „Merkel muss weg!“, beginnt sie ihre Rede, erntet Applaus und bittet kurz darauf der Hauptredner auf die BĂŒhne. Schregle ist kein Mann gefeilter Rhetorik oder großer Gesten. Fast statisch spricht er ins Mikrofon, erinnert an vergangene Demonstrationen, trĂ€gt ein Gedicht vor, beklagt, dass die AfD verfolgt werde. Er verbindet dies mit dem Hinweis, dass man keine verfassungsfeindlichen Symbole trage. „Sollten solche festgestellt werden, fĂŒhrt dies leider zur Anzeige“, belehrt er das Publikum.

18.10 Uhr: Schregle hat diesen Satz kaum beendet, da ĂŒbertönt ihn ein Sprechchor von fĂŒnf Jugendlichen, getarnt mit Sonnenbrillen, Schals und Kapuzen: „Es gibt kein Recht auf Nazi Propaganda!“ Polizisten umstellen die Störer. Schregle erhebt seine Stimme, versucht den Sprechchor der Störer zu ĂŒbertönen. Vergeblich. Es werden immer mehr. Schregle ringt um Fassung, schimpft, das lasse er sich nicht bieten, ruft „Vielen Dank fĂŒrs Pfeifen Ihr Linken!“. Sein Kommentar zum „Stand der Demokratie“ geht unter in GesĂ€ngen und Pfiffen. Drei junge Gegendemonstranten, einer im PandakostĂŒm, versuchen aufs Rednerpodium zu steigen. Bereitschaftspolizisten eilen herbei, packen die Stören an den RucksĂ€cken und schieben sie aus der Szene.

Schregle, geröteter Kopf, setzt seinen Vortrag fort. ErzĂ€hlt von einer von Afghanen vergewaltigten Deutschen, trĂ€gt Zahlen vor, versucht das Pfeifen zu ignorieren. Seine AnhĂ€nger ĂŒbertönen die Rufen der Gegner, in dem sie skandieren „Merkel muss weg!“ Die linken Demonstranten, die ohne Anmeldung gekommen sind, entrollen große schwarze und weiße Banner. Aus dem AfD-Lager gibt es wenig Gegenwehr. Ein Ă€lterer, glatzköpfiger Herr, neongelbe Regenjacke, Fahrradklammern an den Hosen, schnappt sich ein Plakat und umkreist die Protestierenden, ruft diesen verĂ€chtlich zu: „Und Ihr seid unsere Zukunft?“

Dass Protest auch leise sein kann, beweist Franz Hauber. Der 51-JĂ€hrige streckt seit Beginn der Veranstaltung ein einfaches, weißes Schildchen in die Höhe, dass er selbst beschriftet hat: „AfD muss weg!“ Seinen Platz in der ersten Reihe musste aufgeben, denn sie hĂ€tten ihn angerempelt und mit Klage gedroht, berichtet er. „Dabei halte ich nur ein Schild hoch wie die anderen auch“, sagt er. Er gehöre dem „Runden Tisch gegen Rechts“ an, sei jedoch spontan und privat hergekommen. Er habe zwei Kinder im Teenageralter und mache sich Sorgen, dass eine rechte Partei wieder hoffĂ€hig wird.

Welche Sorgen auf der anderen Seite sind, formuliert ein AfD-Mann um die 60, der seinen Namen nicht nennen will: „Wir haben im 15. Jahrhundert gegen den Islam gekĂ€mpft. Heute holen wir ihn rein, das wird die Jugend noch bereuen.“ Er sei kein Nazi, aber gegen einen starken Islam. „Die Merkel verspricht das Paradies.“

Auf AnonymitĂ€t sind auch die jungen Demonstranten bedacht. Sie seien nicht organisiert, sagt einer der zwei Dutzend Störer. Von dieser Veranstaltung wisse man von AfD-Facebookseiten. „Wir wollen zeigen, dass Passau etwas gegen nationalistisches, sexistisches und homophobes Gedankengut hat."

18.45 Uhr: Geschlossen marschieren etwa 50 AfD-AnhĂ€nger hinauf zum Kleinen Exerzierplatz, wo seit einer guten Viertelstunde Merkel spricht.  Auf dem Weg dorthin werden sie bisweilen von Passanten beschimpft. „Verpisst Euch, Nazis!“, ruft ein Student. Die Gegendemonstranten folgen ihnen, Polizeibeamte marschieren als Puffer dazwischen. Die Gruppe trifft ein, als Merkel ihre Rede beendet hat. Sie stehen in der letzten Reihe außerhalb des abgesperrten Bereichs, hinter dem Wasserbecken der „Cagnes-Sur-Mer“-Promenade, 100 Meter entfernt von der BĂŒhne, sodass ihre „Merkel muss weg!“-Rufe ihr Ziel nicht erreichen. Die Kanzlerin ist Schlimmes gewohnt in den östlichen BundeslĂ€ndern. Dort werden ihre Auftritte durch Störer zur Belastungsprobe, in Passau traf dieses Schicksal die AfD.

19 Uhr: Andreas Scheuer ĂŒberreicht der Kanzlerin ein Bild, das einen schwarzen Elefanten mit einem goldenen RĂŒssel zeigt. Sie amĂŒsiert sich. In der letzten Reihe geht es jetzt mehr oder minder auch amĂŒsant zu. Die AfD-Leute sind unfreiwillig mit einer Zuschauergruppe zusammengekommen, die besonders begeisterte Merkelfans sind: FlĂŒchtlinge aus Afghanistan und Syrien; manche von ihnen leben seit mehr als drei Jahren hier, sind gut integriert. Ein Wettstreit beginnt, welche Schilder sichtbarer werden: Die blauen „Merkel muss weg!“ oder die mit dem Schriftzug „Angela Merkel“ auf Schwarz-Rot-Gold?

Es kommt fast zum Konflikt, als ein junger FlĂŒchtling lachend mit einem Pro-Merkel-Schild einer AfD-Frau mit Anti-Merkel-Plakat vor der Nase herumtanzt und ihren Protest immer wieder verdeckt. Sie fĂ€hrt ihn an, wie viel Geld er fĂŒr seine Merkel-Begeisterung erhalte? Der Orientale ignoriert sie, lĂ€sst sich nicht provozieren und tanzt fröhlich fĂŒr die Handykameras seiner Freunde.

Zwei AfD-AnhĂ€ngerinnen, die sich mit schwarzer Burka verkleidet haben, um gegen Vollverschleierung zu protestieren, sind auch unter die orientalischen Merkelfans geraten. Hier ergreift ein FlĂŒchtling das Wort: „Sie sind keine Muslima!“, ruft er. „Warum machen Sie das? Das ist nicht der Islam!“, redet er sich in Rage. Ein Freund beruhigt ihn. Um die verschleierten Frauen kĂŒmmert sich danach die Polizei. Welche Konsequenzen es hatte, haben wir im ersten Beitrags geschrieben.

Ben Balzereit

 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

Hier Ihre Anzeige?
Kontaktieren Sie uns!

 

Unsere News und Bilder
finden Sie wieder:
 
Tageszeitung

 

Wochenzeitung

 

Illustrierte

 

TV & Radio
ARD
ZDF
Bayerisches Fernsehen
 
Agenturen

 

Ausland

 

Internet
Google
Yahoo
Passau Bilder