Sonntag, 22. Oktober 2017
·
·

Bayern >> Dienstag, 19. September 17

bild_klein_0000012444.jpg
Radfahrer, die selbstbewusst den schmalen Streifen auf der Marienbrücke nutzen, sind zu Stoßzeiten selten. Viele weichen auf den Gehweg aus, haben Angst abgedrängt oder ausgebremst zu werden. (Foto: Tobias Köhler)
Umwelt und Verkehr

Autostadt Passau: Wenn Radfahrer stören

Das Fahrrad ist eine deutsche Erfindung. Zum 200. Geburtstag feiert es Renaissance. In Göttingen wurde ein Schnellweg fĂŒr E-Bikes eröffnet, in Offenburg ein vollautomisches Radparkhaus, in Konstanz ein Lastenfahrradverleih. Und in Passau? Radler werden schikaniert wie eh und je. 

Es ist ein grauer, trĂŒber Vormittag im Juni. Bedrohliche, dunkle Regen Wolken entleeren sich ĂŒber Passau.  Wer kann, fĂ€hrt mit Auto oder Bus in die Arbeit, um trocken anzukommen.  Wie es der Zufall will, zĂ€hlen an diesem Morgen 14 Messstationen mit Kameras Passaus Fahrradfahrer. Es bedarf keines Genies, vorauszusehen, dass die Werte niedrig ausfallen werden. Doch Verkehrs planer dĂŒrfte das in ihrem Denken bestĂ€tigen: Passau ist eine Autostadt. Und so wird es wohl noch lĂ€nger bleiben.

„Die Situation fĂŒr den Passauer Radverkehr ist schlecht und es gibt wenige, die da den Blick in die Zukunft richten. Ich bin es leid, mich mit fahrradfeindlichen BĂŒrgern auseinanderzusetzen“, wettert Alois Feuerer, pensionierter Gymnasiallehrer, ehemaliger Stadtrat, an seinem 80. Geburtstag. Er hat sein Amt nie als leichte Übung, mehr als Pflicht dem Wohle der Stadt zu dienen gesehen.

„Wir hatten leider das Pech, nie einen engagierten OberbĂŒrgermeister oder einen Spitzenmann in der Verwaltung zu haben, der ein leidenschaftlicher Radfahrer ist. Wenn ich in andere StĂ€dte wie London oder Wien blicke, die zeigen, was man beim Radverkehr machen kann“, ist sich Feuerer sicher.

bild_klein_0000012442.jpg
Fahrradstadt Kopenhagen: Im Zentrum der dĂ€nischen Metropole, wie hier am Schloss Christiansborg, sind großzĂŒgige, deutlich gekennzeichnete Fahrradwege angelegt worden. Der Vorrang fĂŒr die Radler hat sich ausgewirkt auf Stadtbild und -klima. (Foto: Tobias
Kopenhagen ist Europas Vorzeigestadt in Sachen Radverkehr. Die DĂ€nen haben das Umdenken geschafft. Mehr als die HĂ€lfte aller BĂŒrger fĂ€hrt mit dem Rad in die Arbeit oder zur Schule. Doch weder Umweltbewusstsein noch der Gesundheitsgedanke treibt laut Umfragen die BĂŒrger an: Mit dem Rad ist man in Kopenhagen einfach schneller. DafĂŒr hat die Stadt gesorgt: grĂŒne Wellen an Radler-Ampeln, Tempolimit 30 innerorts, AutoparkplĂ€tze wurden Fahrradwegen geopfert. Das Auto ist im Hintertreffen. Taxis haben DachtrĂ€ger, um Kunden mit Drahtesel chauffieren zu können; die S-Bahnen wurden fĂŒr die Fahrradmitnahme umgebaut. Sogar daran wurde gedacht:  Haltegriffe an Verkehrsschildern und Ampeln, damit sich die Radler festhalten können und nicht absteigen mĂŒssen.

Die neue Passauer Polizeifahrradstreife war mit ihren E-Bikes noch keine drei Stunden im Einsatz, da sprach Schichtleiter Martin Pöhls von einem Erfolg. Zu einem Einsatz unter der SchanzlbrĂŒcke hatte er die Fahrradstreife beordert. „Mit dem Streifenwagen wĂ€ren wir niemals so schnell vor Ort gewesen“, sagt er. Die Polizisten auf dem Fahrrad erleben, was jeder passionierte Radler im Stadtgebiet weiß: Vorbei am Stau, auf kurzen Wegen, auch gegen die Einbahnstraße ist oft erlaubt, spurten sie den Autofahrern davon.

Ein Fahrrad ist in der Stadt einfach schneller

Wer den Radverkehr in Passau beobachtet, erkennt die MĂ€ngel, aber auch die Möglichkeiten. Die InnbrĂŒckgasse ist die kĂŒrzeste Verbindung von den Stadtteilen am Inn zu den Stadtteilen an Donau und Ilz. Verboten, aber verstĂ€ndlich, benutzen Radler die enge Gasse in beide Richtungen. Das Ordnungsamt hat beschildert, dass Radfahrer Richtung Residenzplatz, also gegen die Einbahn, absteigen mĂŒssen. Wie wĂ€r ́s damit: Die Gasse fĂŒr Verbrennungsmotoren sperren. Die AltstĂ€dter wĂŒrden aufatmen, die Radler sich freuen. Mit derselben Konsequenz könnte die HĂ€ngebrĂŒcke, die Verbindung zur llzstadt, nach der Sanierung eine FußgĂ€nger- und RadfahrerbrĂŒcke bleiben.

Bekanntermaßen sind die DĂ€nen im weltweiten GlĂŒcksranking seit Jahren unter den Top 3. Spielt das Fahrrad eine Rolle? „Der Strohhalm, mit dem ich mich an die Lebensfreude klammere, ist augenblicklich das Bicycle“, schreibt der Schriftsteller Arthur Schnitzler.  Adam Opel konstatierte: „Bei keiner anderen Erfindung ist das NĂŒtzliche mit dem Angenehmen so innig verbunden, wie beim Fahrrad.“ Bis zu seinem Tod hatte er sich dagegen gewehrt, Automobile zu produzieren, setzte auf FahrrĂ€der. Zitate alter Herren, doch ihre Philosphie trifft heute den Zeitgeist: Entschleunigung.

Das Leben entschleunigen und trotzdem schneller ans Ziel kommen ist fĂŒr Radfahrer kein Widerspruch.  Es gibt in Passau immer mehr prominente Pedalritter:  UniversitĂ€tsprĂ€sidentin Carola Jungwirth ist unterwegs mit Helm und Satteltasche, Klinikumsleiter  Stefan Nowack setzt sich fĂŒr mehr FahrradstellplĂ€tze vor seinem Haus ein, Ansgar Grochtmann, Leiter des  Rechtsamtes, radelt regelmĂ€ĂŸig ins Rathaus; hinzu kommt die alte Garde der radelnden StadtrĂ€te wie Clemens Damberger  (CSU) oder Klaus SchĂŒrzinger (Freie WĂ€hler); GlaskĂŒnstler Horst Stauber ist mit seiner Orangenholzkiste „Der Flieger“ auf dem GepĂ€cktrĂ€ger ein Passauer  Original.

bild_klein_0000012441.jpg
Premiere Polizeifahrradstreife: Christian Waitzbauer (links) und Andreas Winter haben sich freiwillig fĂŒr die erste Passauer E-Bike-Streife gemeldet und sind begeistert: „Wir sind nĂ€her am BĂŒrger und schneller unterwegs.“ (Foto: Tobias Köhler)
Der Aronia-Bauer und MillionĂ€r Hans Dorn schwĂ€rmt in der Heimatzeitung, wie gut sich MobilitĂ€t auf dem E-Bike anfĂŒhlt. Die Serpentinen hinauf zur Ries, die er frĂŒher wohl oft mit dem Porsche gekurvt ist, bewĂ€ltigt er jetzt entspannt mit Zweirad und Akku. Die Koppenhager Stadtplanerin Tina Saaby sagte in der Wochenzeitung „Die Zeit“ ĂŒber Radfahrer: „Die Leute nehmen Straßen und PlĂ€tze nicht mehr nur als einen Verkehrskorridor wahr, um von A nach B zu kommen, sondern als Orte, an denen man sich auf hĂ€lt und andere Menschen trifft.“ Passau hat viele solche PlĂ€tze.

ZurĂŒck zur HĂ€ngebrĂŒcke. Sie ist wegen Generalsanierung bis Oktober gesperrt. Pendler, die aus dem Norden kommend in die Altstadt wollen, stellen ihr Auto im BschĂŒttparkhaus ab, gehen zu Fuß oder fahren mit dem Rad. Das Verkehrschaos blieb aus. Es gibt auch weniger Stau an der Schule durch Abholer und Wartende. Wer sich vor der Schreibtischarbeit an der frischen Luft bewegt, ist weniger schnell gestresst. Die DĂ€nen genießen dieses GlĂŒck.

Am Ludwigsplatz gibt es Beifall fĂŒr einen sportlichen jungen Radfahrer, der beim Ampelstart einen Mercedes-Sportwagen abgehĂ€ngt hat. Dieser hatte zuvor versucht, dem Radler die Poolposition zu nehmen. Eine Szene fĂŒr die Zukunft der MobilitĂ€t. Der Besitz eines Autos ist nicht mehr das Ziel der folgenden Generation, sie wollen öffentliche Verkehrsmittel wie Bus und Bahn mit Carsharingangeboten und Fahrrad verbinden. Einfacher, gĂŒnstiger und umweltfreundlicher sich fortbewegen, der Stellenwert des Autos schwindet. Der Trend ist in Metropolen spĂŒrbar, in der Provinzstadt dauert es noch. 

Elektrofahrrad bringt neue Bequemlichkeit

Passau sei wegen seiner Topografie fĂŒr den Fahrradverkehr untauglich, lautet ein altes Argument. Der Fortschritt hat es entkrĂ€ftet: Mit einem Elektrofahrrad lassen sich mĂŒhelos alle Steigungen und grĂ¶ĂŸere Entfernungen ĂŒberwinden. Bequemes Radfahren ist kein Privileg des Flachlands mehr. „Ich bin immer schon Rad gefahren und es ging gegen meine Sportlerehre, als mir zum 78. Geburtstag meine Kinder ein Elektrofahrrad schenkten“, erzĂ€hlt Feuerer. Heute nennt er es eine "wunderbare, fantastische Sache".

Wo bleibt der Kopenhagen-Kick?

Aufgrund der besonderen Fahrradkultur in Kopenhagen hat sich der Terminus „copenhagenize“ etabliert. Der Begriff beschreibt die Verwandlung einer Autostadt in eine Fahrradstadt nach dem Vorbild der DĂ€nen. Deren Designer und Experte in urbaner MobilitĂ€t, Mikael Colville-Andersen, hat daraus ein Unternehmen gegrĂŒndet: Er gibt StĂ€dten weltweit RatschlĂ€ge, wie sie sich von Autos zu befreien können. Falls jemand im Passauer Rathaus Interesse hat, mit ihm Kontakt aufzunehmen: info@copenhagenize.eu

bild_klein_0000012436.jpg
Die Autostadt Passau gibt sich einfallsreich, wenn es darum geht, Radler auf Umwege zu schicken, damit sie die Autofahrer nicht stören. Hier lÀsst sie Tausende Radtouristen Treppen steigen. (Foto: Tobias Köhler)
Radfahrer fĂŒhlen sich derzeit in Passau oft wie ungebetene GĂ€ste. Am FĂŒnferlsteg und in der FußgĂ€ngerzone heißt es „Absteigen!“ Wer auf der Innstadtseite ins Donautal will, wird am Ende der MarienbrĂŒcke mit einem abenteuerlichen Schild in die SchiffmĂŒhlgasse  gelotst – eine Treppe zum Innufer. Radfahrtouristen verzweifeln an solchen Umwegen. Radfahrer mit KinderanhĂ€nger scheitern an dieser Schikane, fragen Passanten nach Alternativen. Ein InnstĂ€dter, der beispielsweise vom östlichen Stadtteils zur BĂ€ckerei in die Löwengrube radeln wollte, mĂŒsste diesen Irrsinn jeden Morgen mitmachen. Treppe rauf, Treppe runter.

Studentin Natalie, die oft nach Hals pendelt, beschwert sich ĂŒber diese Situation: Die Passauer Verkehrsplanung zwingt die Radfahrer auf den Umweg ĂŒber den Niederhaustunnel. Sie mĂŒssen die untere und die obere IlzbrĂŒcke queren, zweimal an der Ampel warten.

„Es ist brutal, was man als Radfahrer erlebt“, sagt Feuerer. Er nennt ein Beispiel: Als auf der Kapuzinerstraße stadteinwĂ€rts Stau war, radelte er links an der Schlange vorbei. „Da zieht ein Autofahrer plötzlich aus der stehenden Kolonne heraus, um mir zu demonstrieren, dass ich keine Vorfahrt habe.“ Richtig aggresiv sei der gewesen. Er hĂ€tte ihn beinahe vom Rad geholt. Feuerer glaubt, dass ein fahrradfreundliches Passau vor allem an der MentalitĂ€t der Autofahrer scheitert, die vom Land in die Stadt kommen. Sie sind aufs Auto angewiesen, fĂŒr sie hat es in der MobilitĂ€t den höchsten Stellenwert. Aber: Es gibt auch positive Beispiele. Autofahrer, die FußgĂ€ngern und Radfahrern bewußt Vorrang gewĂ€hren, lassen sich immer öfter beobachten.

„Ist das Auto am Ende?“ titelt dagegen die Wochenzeitung „Die Zeit“. Der Abgasskandal, die dicke Luft in den GroßstĂ€dten hat die Zukunft des Verbrennungsmotors infrage gestellt. Passau ist keine Metropole, aber zweifellos eine Stadt mit der höchsten Verkehrsbelastung in der Provinz.

Wie stellt sich das Rathaus diesem Thema? Sind Maßnahmen geplant, wenn ja welche? Wird das Radwegenetz ausgebaut? Unser Fragenkatalog blieb unbeantwortet. Die Pressestelle des Rathauses verwies darauf, dass kein Handlungsbedarf bestĂŒnde und gingen nur auf die Dieselproblematik ein. Die Luftmessstationen, die der Freistaat betreibt, wĂŒrden belegen, dass die Belastung durch Stickoxide weit unter dem Grenzwert liegt – Tendenz gleichbleibend. Der Grenzwert sei seit 2005 kein einziges Mal ĂŒberschritten worden.

Die Autostadt Passau zĂ€hlt pflichtbewusst alle drei Jahre den Fahrradverkehr. Das muss genĂŒgen.

Beitrag erschien in der Sommerausgabe des Magazin BĂŒrgerblick 2017/ Hier dieses Portal unterstĂŒtzen und abonnieren.

 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

Hier Ihre Anzeige?
Kontaktieren Sie uns!

 

Unsere News und Bilder
finden Sie wieder:
 
Tageszeitung

 

Wochenzeitung

 

Illustrierte

 

TV & Radio
ARD
ZDF
Bayerisches Fernsehen
 
Agenturen

 

Ausland

 

Internet
Google
Yahoo
Passau Bilder