Dienstag, 22. August 2017
·
·

Meinung >> Freitag, 11. August 17

bild_klein_0000012108.jpg
Die Polizei informiert Journalisten per E-Mail. Diese Rohfassungen stellt die PNP ungefiltert ins Netz; behäbiges Beamtendeutsch als Lesestoff. (Foto: PNP)
Polizei und Presse

Rohkost statt Recherche

Liebe Leserinnen und Leser,

besorgt Euch guten Lokaljournalismus doch selbst! Sucht Euch aus der Vielzahl der Pressemitteilungen von Polizei und Feuerwehr, von Rathaus und Parteien diejenigen heraus, welche Euch interessieren. Bringt diese Texte in vernĂŒnftiges Deutsch, formuliert schwachsinnige Wörter und SĂ€tze um in sinnvolle, kĂŒrzt den Inhalt auf das Wesentliche ein und bastelt euch daraus eine eigene Tageszeitung!

Das hat die „Passauer Neue Presse“  ihren Leserinnen und Lesern so natĂŒrlich nicht gesagt. Aber nach dem schlechten Vorbild von Focus, einem einst seriösen Nachrichtenmagazin, hat die PNP im Netz ein neues Portal eröffnet, welches genau dieses den Nutzern abverlangt. Unter der Rubrik „Polizei“ werden - bis aufs i-TĂŒpfelchen unverĂ€ndert - alle Polizeimeldungen des Verbreitungsgebiets, so wie sie im E-Mail-Briefkasten der Redakteure landen, kopiert und veröffentlicht. Korrekturlos, kritiklos, geschweige denn recherchiert oder redigiert. Nach eigenen Angaben etwa 2.500 Meldungen im Monat.

Das ist an erster Stelle peinlich fĂŒr den Verlag wegen der Missachtung der Leser. An zweiter Stelle ist dies aber auch eine Taktlosigkeit gegenĂŒber den betroffenen Beamtinnen und Beamten, die mit ihren Texten öffentlich vorgefĂŒhrt werden. Es ist ĂŒberhaupt nicht ihre Aufgabe, druckreif zu formulieren.  FĂŒr die schreibenden Polizisten bedeuten die unbearbeiteten Kopien im Netz mitunter eine peinliche Bloßstellung; fĂŒr die Leser wird die Litanei im Netz eine schwer verdauliche Rohkost; fĂŒr den Journalismus verheißt dieser Umgang mit Pressemitteilungen nichts Gutes, ja eigentlich dessen Untergang.

Zur ErklĂ€rung: Jede Polizeidienststelle berichtet im Sinne der Informationspflicht den Lokalredaktionen ĂŒber die wichtigsten VorfĂ€lle vom tĂ€glichen Polizeigeschehen.  FrĂŒher, als die Zahl der Medien ĂŒberschaubar und der Zeitdruck der schreibenden Zunft geringer war, geschah dies mĂŒndlich. Polizeireporter holten per Telefon oder durch einen persönlichen Besuch die Informationen ein. In ausgedĂŒnnten Redaktionen der PNP scheint fĂŒr diese journalistische Sorgfalt und die Dienstleistung am Leser keine Zeit mehr zu sein.

Heute erledigt die Polizei diese Informationspflicht per E-Mail. In den Verteiler aufgenommen werden allerdings nur Journalisten, die sich legitimieren können. Dies soll einen vertrauensvollen Umgang mit diesen Texten garantieren. Sie sind verfasst mit typischem Fachjargon und können Polizeireportern allenfalls als Grundlage fĂŒr ihre Berichte dienen. Der sorgfĂ€ltige Journalist wird recherchieren: zum Telefon greifen, um Details und HintergrĂŒnde zu erfragen, sich weitere Quellen erschließen. Woran Sie eine Redaktion erkennen, die Lesern aus Faulheit und mangelnder WertschĂ€tzung Polizeitexte in Rohkost mit der Kopiertaste vorsetzt?

Autos werden generell zum „Pkw“, wenn es mehrere sind gar zu „Pkw ́s“, Verletzte verstecken sich im „Personenschaden“ und Bestohlene hinter „GeschĂ€digten“; der Autofahrer wird zum „FahrzeugfĂŒhrer“, Ermittlungen „dauern an“ und waren, wenn sie abgeschlossen sind, stets „umfangreich“; der 7. Mai liest sich so: „07.05.17“, im Schlusssatz findet sich oft die Telefonnummer fĂŒr den „sachdienlichen Hinweis“.  Medienprofessor Ralf Hohlfeld von der Uni Passau sagt auf Anfrage: „Man sollte davon ausgehen, dass solches Rohmaterial verarbeitet und in Form gebracht wird“. Dies wĂ€re eine selbstverstĂ€ndliche Aufgabe der Journalisten. NĂ€her wollte er sich zu diesem Thema nicht Ă€ußern.

Die Polizei ist selbst davon ĂŒberrascht worden, dass ihre fĂŒr die journalistische Weiterverarbeitung gedachten E-Mails von der „Passauer Neue Presse“ unbearbeitet der Netzöffentlichkeit als Lesestoff vorgesetzt werden. Die Anfrage dieses Magazins hat man zum Anlass genommen, die Kolleginnen und Kollegen in Dienststellen dafĂŒr zu sensibilisieren. „Wir können gegen dieses Vorgehen nicht großartig etwas unternehmen“, sagt ein hochrangiger Vertreter der Polizeidirektion Straubing. Ein Pressesprecher bezeichnet die Arbeit der Redaktion „journalistisch unter null“. FĂŒr ihn sei dies ein weiteres Beispiel, wie „das Niveau im Netz erschreckend sinkt“. Man wolle wohl Personal und Arbeitszeit sparen.

Ein anderer Polizeisprecher vermutet, dass die E-Mails ungelesen von einem Programm automatisch ins Netz eingepflegt werden.  Anders könne er sich nicht erklĂ€ren, dass selbst sinnfreie Datumsangaben ĂŒbernommen werden. Es sei wohl ein Tribut an die „Schnelllebigkeit unserer Zeit“. „Da kann man auch einen dressierten Affen hinsetzen“, feixt er.  

Hubert J. Denk

Beitrag erschienen in BĂŒrgerblick-Magazin Nr. 106/ Juni 2017

In eigener Sache: Wer BĂŒrgerblick kostenpflichtig abonniert, unterstĂŒtzt die freie Presse und sichert die Existenz des Reporter und dieses Portals. Klar, wir sind es gewohnt, online gratis zu lesen. Aber die Folge ist: Es zwingt Journalisten in finanzielle AbhĂ€ngigkeiten oder treibt sie in den Ruin. Wenn jeder Facebook-Leser bloß 5 Euro im Jahr spendet, wĂ€re die faire Entlohnung gerantiert. Vielen Dank!

 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

Hier Ihre Anzeige?
Kontaktieren Sie uns!

 

Unsere News und Bilder
finden Sie wieder:
 
Tageszeitung

 

Wochenzeitung

 

Illustrierte

 

TV & Radio
ARD
ZDF
Bayerisches Fernsehen
 
Agenturen

 

Ausland

 

Internet
Google
Yahoo
Passau Bilder