Mittwoch, 26. Juli 2017
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Bayern >> Samstag, 01. Juli 17

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Beethovens 9. zum EW-Auftakt in der Dreiländerhalle, die Solisten: Sopranistin Yeree Suh, Tenor Sebastian Kohlhepp, Bariton Bauer und Mezzo-Sopranistin Marianne Kielland. (Foto: Tobias Köhler)
Eröffnung "EuropÀische Wochen"

Aus dem Vollen schöpfen

Er ist ein Unterhaltungstalent. Seine BegrĂŒĂŸungsrede inszeniert er als Monolog mit dem Ehrengast und Festredner, dem er am Vorabend den Genuss einer Freiluftoper auf Oberhaus und danach einen weinseligen Abend im tiefen Kellergewölbe eines ehemaligen Franziskanerklosters geschenkt hat. Seine Stimme scheint davon noch etwas angeschlagen und der Zuschauer fragt sich, ob das etwas ungeordnete Haar von der Eile am Morgen rĂŒhrt oder ein Teil dieses Schauspiels ist.

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Beethovens 9. in der DreilÀnderhalle: Das Neue Orchester aus Köln und ein 100 SÀnger starker Passauer Chor. (Foto: Tobias Köhler)
Thomas Eduard Bauer hat als elfter Intendant der Festspiele „EuropĂ€ischen Wochen“ (EW) die Eröffnung als Neuanfang inszeniert; von einer „Premiere“ sprach OberbĂŒrgermeister JĂŒrgen Dupper. Erstmals fand der Festakt in der barocken Anmut des FĂŒrstbischöflichen Opernhauses statt, erstmals vereint sich in der Person des Intendanten ein Dreiklang aus KĂŒnstler, Kulturmanager und Teamspieler. Letzteres spiegelt sich wider in seiner Eröffnungsrede. Er schwĂ€rmt von der OpernauffĂŒhrung des Landestheaters auf Oberhaus. Sein Ehrengast und Festredner, Philosoph Peter Sloterdijk, habe beeindruckt angemerkt, da mĂŒsse man erst nach Passau fahren, um eine anstĂ€ndige AuffĂŒhrung der Oper „Lucia di Lammermoor“ zu erleben.

"Ich bin nicht mehr dazugekommen, eine Rede vorzubereiten", sagte Bauer. Er hatte die Lacher auch danach auf seiner Seite, als er - zur AufklĂ€rung fĂŒr seinen Gast Sloterdijk - die wichtigsten Vertreter der Politik im Publikum aufzĂ€hlt, im Schnelldurchlauf deren Funktionen, Verbindungen und Befindlichkeiten benennt. So wurde aus einer langweiligen BegrĂŒĂŸungsaufzĂ€hlung eine kurzweilige Geschichte.

„Passau, das schönere Salzburg“, solche EW-Slogans wĂŒrden runter gehen wie Öl, lobte Bernd Sibler, der KultusstaatssekretĂ€r, die PR-Kampagne des Intendanten. Seine Rede wurde eine Lobesrede auf den Duzfreund.

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Philosoph Peter Sloterdijk sprach ĂŒber Kunst, Schönheit und Wahrheit.
Festredner Peter Sloterdijk zitierte Platon und Nietzsche, um sich der Definition von Kunst, Schönheit und Wahrheit im Gestern und Heute zu nĂ€hern. Der Philosoph bedachte das Publikum kaum eines Blickes, denn er las konzentriert von seinem Manuskript, darin fanden sich komplizierte, aber anrĂŒhrende SĂ€tze aus Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ die Schönheit betreffend: „Der Sonne lernte ich dies ab, wenn sie hinabgeht, die Überreiche: Gold schĂŒttet sie da ins Meer aus unerschöpflichem Reichtum, dass selbst der Ă€rmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Dies nĂ€mlich sah ich einst und wurde der TrĂ€nen nicht satt im Zuschauen.“

Die Schönheit eines Trauerliedes, das im freudigen Tanz endet, lernten die Passauer Gesellschaft und die angereisten Vertreter der hohen Politik bei der musikalischen Einlage des Festaktes kennen. Ein Quartett mit Bariton Bauer, begleitet von einem Musikerquintett, stimmte die Kantate „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ an, eine der Ă€ltesten Vokalwerke von Johann Sebastian Bach. Bauers Baritonsolo lautete: „Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht lebendig bleiben...“

Der neue Intendant hat sein Haus bestens bestellt; er schĂŒttet Energie in die Passauer Kultur verschwenderisch wie die Sonne, schöpft aus dem Vollen, bedient sich am reichen Schatz der Klassik. Die begnadeten BachsĂ€nger haben die Zuhörer drei Stunden spĂ€ter beim Eröffnungskonzert in der DreilĂ€nderhalle erneut erlebt, bei Beethovens 9., als sie mit einem 100-köpfigen Chor aus Laien- und ProfisĂ€ngern die „Ode an die Freude“ schmetterten. Bauer hatte SĂ€ngerinnen und SĂ€nger aus der Region zum Mitmachen aufgerufen. Ein kluger Schachzug: Es stĂ€rkt das "Die-EuropĂ€ischen-Wochen-sind-wir"-GefĂŒhl.

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Beethoven im Original: Sie spielen auf zeitgenössischen Instrumenten. (Foto: Tobias Köhler)
Das Neue Orchester aus Köln spielte auf Original-Instrumenten der Zeit Beethovens. Dirigent Christoph Spering ließ den alten Meister in seiner stĂŒrmischen VerrĂŒcktheit aufleben, wie Intendant Bauer es in seiner launigen Anmoderation angekĂŒndigt hatte. Der Chor, die Musiker, die Solisten, der Dirgent - alle legten sich ins Zeug. Einige wenige Zuhörer waren so mitgerissen, dass sie den Schlussapplaus nicht abwarten konnten und ein Zischen der Klassikfreunde ernteten: "Psssst!" Beim "Alle Menschen werden BrĂŒder!" trieb es vielleicht manchen wie in Nietsches Betrachtung die TrĂ€nen in die Augen, ob der Schönheit dieser Musik und ihrer Stimmung, ob der wunderbaren Kraft und Harmonie zwischen Passauer Chor und Kölner Orchester. 

Andere wiederum mögen innerlich vor Traurigkeit geweint haben. SĂ€nger und Musiker kĂ€mpften an gegen den brutalen Raumklang einer Mehrzweckhalle. Die Blechhörner schepperten verzögert von der linken oberen Hallenecke, als wĂ€ren die Öffnungen der vier mĂ€chtigen metallenen LĂŒftungsrohre an der Decke ihre Schalllöcher. Die armen Solisten! Sopranistin Yeree Suh, eine Koreanerin, die auf internationalen BĂŒhnen regelmĂ€ĂŸig vertreten ist, der lyrische Tenor Sebastian Kohlhepp, herausragendes Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart, die ausgezeichnete Mezzo-Sopranistin Marianne Kielland aus Norwegen und Bauer, der große Bariton - ihre kraftvollen unverstĂ€rkten Stimmen fraß das Raumungeheuer "DreilĂ€nderhalle" spĂ€testens ab der sechsten Reihe.

Passau, die europĂ€ische Festspielstadt, reich an Kultur, Geschichte und mĂ€rchenhafter Schönheit, hat kein Festspielhaus. Beethovens 9. fĂŒhrte diese Bitterkeit einmal mehr vor Augen.

Das Publikum wĂŒrdigte die Leistung der Mitwirkenden und blendete gnĂ€dig diesen Mangel aus. Es klatschte, rief "Bravo!" und merkte, dass das Raumungeheuer auch seine Anstrengungen zunichte machte; da trampelten sie mit den FĂŒĂŸen, andere sprangen auf, um zu zeigen: Danke, Ihr ward große Klasse!

Mit Bach den Tag beginnen, ihn nachmittags mit Beethoven vorantreiben – und am Abend? Den Abend ĂŒberlĂ€sst Bauer seinen geschĂ€tzten Freunden vom Landestheater Niederbayern. Die Philharmonie Niederbayern, dirigiert von Generalmusikdirektor Basil Coleman, wird den Tag bei einem Freiluftkonzert auf der Veste Oberhaus ausklingen lassen. Mit der 4. Sinfonie von Mendelssohn-Bartholdy, der „Italienischen“.

Bauer kennt keine BerĂŒhrungsĂ€ngste, wenn es der großen Sache dient. Er will kĂŒnftig enger mit den Akteuren des Landestheaters zusammenwirken, auch dies ein Neuanfang, eine Premiere. "Es findet eine neue Begegnung auf Augenhöhe statt, die wir so von den EuropĂ€ischen Wochen nicht kennen", sagt ein Vertreter des Landestheaters.

Bauer - mit oder ohne Konzerthaus - ist ein GlĂŒcksfall, ein Gewinn fĂŒr Passau.

hud

 
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