Montag, 20. November 2017
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Bayern >> Montag, 08. Mai 17

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"Wer bremst diesen Bauhai?" hatte Bürgerblick zu Investor Mathias Düsterdick (Gerchgroup) im Februar gefragt. Er hat sich selbst verabschiedet, seine Bauoption gewinnbringend an eine Schweizer Firmengruppe weitergereicht.
Schweizer Investor ├╝bernimmt

Immobilienhai D├╝sterdick spuckt Passau wieder aus

Das sch├Âne Passau hat sich in den Rachen von Immobilienhaien geworfen. Ein Investor, der von der Rathausspitze mit offenen Armen empfangen worden ist, hat abkassiert und sich aus dem Staub gemacht. Ein Brauereigel├Ąnde im Stadtwesten liegt jetzt in den H├Ąnden eines Firmengeflechts mit Sitz in der Schweiz.  

Das Areal der Peschl-Brauerei (Grundst├╝ck von 21.400 Quadratmetern, 500 geplante Wohnungen) in Passau wechselte bereits Ende April den Eigent├╝mer. Investor Mathias D├╝sterdick (D├╝sseldorfer Gerchgroup) hat seine Option, dieses Gel├Ąnde mit umstrittener Wohnbaudichte zu verwerten, an eine Schweizer Aktiengesellschaft verkauft. ÔÇ×D├╝sterdick hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass es ihm nicht um das Wohl der Stadtentwicklung, sondern um ein reines Spekulationsgesch├Ąft gehtÔÇť, sagt ein Vertreter des Stadtrates.

Das Presseb├╝ro der Stadt Passau hat eine Anfrage, ob und seit wann sie ├╝ber den Abtritt des Investors D├╝sterdicks informiert sind, heute nicht beantworten k├Ânnen oder wollen. Auf Tauchstation ging auch der Immobilienmakler, der in Passau als Pressesprecher dieses Investors auftrat. Das Thema ist offenbar politisch unangenehm. Nachtrag: In der PNP stellt D├╝sterdick der Verkauf so dar: Er habe einen "Fusionspartner" gefunden. Tats├Ąchlich sind das Projekt und seine Mitarbeiter an den Schweizer Entwickler ver├Ąu├čert worden.

Mehrheitseignerin der neun D├╝sterdick-Projekte in Deutschland, darunter die Brauereigel├Ąnde "Peschl" in Passau und "Holsten" in Hamburg, ist nunmehr die Schweizer "SSN Group". Sie besch├Ąftigt nach eigen Angaben 200 Mitarbeiter und h├Ąlt Niederlassungen in Chicago (USA), D├╝sseldorf, Ludwigsburg und Wolfsburg. Die Gesamtinvestitionssumme seiner Bauvorhaben hatte D├╝sterdick auf 2,3 Milliarden Euro beziffert; die "SSN Group" selbst bereitet angeblich Immobilienprojekte im Wert von 3,3 Milliarden Euro vor.

"Zwischeninvestierender Projektentwickler"
"├ťber den Kaufpreis haben die Parteien Stillschweigen vereinbart", lautet eine Standardfloskel in der Pressemitteilung ├╝ber den Deal mit D├╝sterdick. Dort ist auch zu nachzulesen, wie ein Bauspekulant, der im Erstangriff B├╝rgermeister und Kommunen f├╝r seine Zwecke weichklopft, im euphemistischen Fachjargon genannt wird: "zwischeninvestierender Projektentwickler".

D├╝sterdick war Chefsache

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Plattgemacht: Das Gel├Ąnde der Peschlbrauerei im Stadtwesten. Der Brauereikamin, das letzte Baudenkmal auf diesem Areal von einer der ├Ąltesten Brauereien Deuschlands, ist auch gefallen. (Foto: Tobias K├Âhler/ B├╝rgerblick)
Das Peschl-Areal mit Investor D├╝sterdick hatte Oberb├╝rgermeister J├╝rgen Dupper in Passau zur Chefsache erkl├Ąrt. Dupper legte sich mit Oppositionsparteien und kritischen B├╝rgern an, weil mit seinem Einverst├Ąndnis D├╝sterdick den Gestaltungsbeirat umgehen durfte. Mehr noch: Der Versuch, den Wohnungsbau auf diesem Areal vern├╝nftig zu begrenzen, ist mit knapper Mehrheit der Kritiklosen im Stadtentwicklungsausschuss gescheitert. Eine "Bau-Groko" bestehend aus der Stimme des Oberb├╝rgermeisters, seiner SPD und der CSU diente D├╝sterdick. "Es l├Ąuft in Passau vieles schief, wir sind nicht bereit, diesen Weg, den der OB eingeschlagen hat, weiter mitzugehen", kommentiert in einer ersten Reaktion Vizeb├╝rgermeister Urban Mangold (├ľDP) die Entwicklung. Von der Position des OB sei man in solchen Angelegenheiten "meilenweit entfernt". 

Hamburg: Vertragswerk nimmt Investoren in die Pflicht
Vom Eigent├╝merwechsel betroffen ist auch ein Parallelprojekt in Hamburg; dort plante D├╝sterdick ein neues Stadtgebiet auf dem Areal der ehemaligen Holstenbrauerei. Den Eigent├╝merwechsel kann man dort gelassen sehen.  "Jeder Investor muss sich bei uns einem st├Ądtebaulichen Vertrag unterwerfen", erkl├Ąrt ein Sprecher der betroffenen Bezirksverwaltung in Altona. Dazu geh├Ârt ein festgelegter Drittelmix: Ein Investor muss sich ab einer bestimmten Projektgr├Â├če verpflichten, ein Drittel Sozialwohnungen, ein Drittel frei finanzierte Mietwohnungen und ein Drittel Eigentumswohnungen zu schaffen. Im flach gebauten Hamburg seien zudem Hochh├Ąuser nicht passend, bei sieben bis acht Stockwerken sei auf dem Holsten-Gel├Ąnde Schluss, sagte der Altona-Sprecher. Auf dem Passauer Areal hat D├╝sterdick bis zu acht Stockwerke vorgesehen, ein Stockwerk weniger als das h├Âchste Geb├Ąude der Stadt, der sogenannte Kapfingerturm in der Neue Mitte.

Passau: Zahnloser Gestaltungsbeirat
In Passau l├Ąuft die St├Ądtebauentwicklung weitgehend unkontrolliert und entfesselt ab. Es gibt kein Vertragswerk, das den Investoren im Dienste f├╝r Soziales, Lebensqualit├Ąt und Sch├Ânheit Pflichten auferlegt. Es gibt beispielsweise keinen Zwang f├╝r Gro├činvestoren, sich am sozialen Wohnungsbau zu beteiligen. Das kontrollierende Gremium f├╝rs historische Stadtbild, der "Gestaltungsbeirat", gibt sich zahnlos wie der Fall D├╝sterdick zeigt. Die Mitglieder des Gestaltungsbeirates, unabh├Ąngige Architekten, sind auf das Wohlwollen des Oberb├╝rgermeisters angewiesen.

ECE war "harmlos" dagegen
Duppers Vorg├Ąnger standen einst in der Kritik, weil sich sich vom Hamburger Milliard├Ąr Alexander Otto ein ├╝berdimensioniertes Kaufhauskonzept aus der Schublade hatten andrehen lassen: das "ECE Passau", getauft auf den Namen "Stadtgalerie". Otto hatte seine ECE-Projekte zumindest bis zur Fertigstellung gehalten. An den Folgen der ECE leidet die Dreifl├╝ssestadt - wie von vielen Kritikern prophezeit - bis heute: ├ťberangebot an Gewerbe- und Einkaufsfl├Ąchen, das Stadtbild pr├Ągen Leerst├Ąnde, darunter zwei ehemalige Einkaufszentren. "ECE war im Vergleich dazu harmlos", kommentiert ein CSU-Mann, der im Baugewerbe t├Ątig ist, den Fall D├╝sterdick.

Mit Ausrede Kritiker abblitzen lassen
In guter Erinnerung ist den Stadtr├Ąten der Opposition, wie D├╝sterdick sich geschickt ihren kritischen Fragen entzog. Das Investorenteam hatte angeboten, in gesonderten Treffen mit allen Fraktionen seine Pl├Ąne zum Peschl-Areal zu pr├Ąsentieren und zu diskutieren. Nach SPD und CSU kamen am Ende des Tages mit einem gemeinsamen Termin die kleinen kritischen Fraktionen an die Reihe. Als die Fragerunde begann, sei die Veranstaltung abgew├╝rgt worden, berichtet ein Teilnehmer. Die Zeit dr├Ąnge, man habe noch einen wichtigen Termin, hie├č die Begr├╝ndung. Wie diese Verpflichtung aussah, hat sich mittlerweile herumgesprochen und die betroffenen Stadtr├Ąte br├╝skiert: Das D├╝sterdick-Team, darunter der Bochumer Architekt und der Passauer Makler und Pressesprecher, hatte in einem feinen Weinrestaurant einen Tisch reserviert, um mit gro├čer Zeche den Erfolg zu feiern.

Wer verhandelt jetzt von Seiten des Investors mit Passau? "Wir haben etwa ein Dutzend der Mitarbeiter der Gerchgroup ├╝bernommen", erkl├Ąrt ein Sprecher des Schweizer Unternehmens. Zu diesen Mitarbeitern geh├Ârt auch D├╝sterdicks Projektleiterin Britta Henkel, 56, welche f├╝r das Peschl-Areal bereits zust├Ąndig war und dies unter der neuen F├╝hrung weiterhin sein wird. Als Sprecherin hatte sie im Fall Passau offenbar einen Maulkorb erhalten, den alle Presseanfragen verwies sie stets an den Passauer Kollegen, den Makler, weiter.

Nachtrag:

Ein Sprecher des Rathauses hat eine Anfrage dieses Magazins von 8.14 Uhr zum "Fall D├╝sterdick" mit einer E-Mail um 15.26 Uhr wie folgt beantwortet: "Wir empfehlen, die Anfrage direkt an die Gerch Group zu stellen."

Wir haken nach: "Bedeutet dies, die Stadt ist ├╝ber den Eigent├╝merwechsel des gr├Â├čten Wohnbauprojektes der letzten Jahrzehnte nicht informiert? Hat die Stadt mit der Gerchgroup Kontakt aufgenommen? Diese Fragen kann selbstverst├Ąndlich nur die Stadt beantworten. Ihre Anregung, die Gerchgroup zu kontaktieren, ist zudem nicht zielf├╝hrend, da diese bekanntlich bis dato nur ├╝ber Ihren Pressesprecher Herrn Ulrich Popp (Anm. d. Red.: Passauer Maklerb├╝ro)  sich in der Lokalpresse ├Ąu├čerte. Herr Popp geht auf Tauchstation und ist f├╝r dieses Magazin nicht erreichbar."

***

Die brennenden Fragen, warum Passau zum Selbstschutz Investoren nicht mit einem Vertragswerk wie Hamburg begegnet, warum bei Gro├čprojekten nicht grunds├Ątzlich ein st├Ądtbaulicher Wettbewerb vorgeschrieben wird, warum B├╝rgerbeteiligung nicht zum vorgeschriebenen Pflichtprogramm geh├Ârt, bleiben offen.

 
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