Montag, 23. April 2018
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Günther Sax (weiße Jacke) mit seinem Rechtsanwalt Wolfgang Schima. 17 Monate haben sie für die Baugenehmigung gekämpft. (Foto: Tobias Köhler)
FlĂĽchtlingsheim genehmigt

Böses Blut in Pfenningbach

Passau - Eine Sportartikelhändler will sein leerstehendes Geschäft am Land zur Herberge für Zuwanderer umbauen lassen. „Asylflut stoppen auch in Pfenningbach“ verteilten Neonazis Infoblätter im Dorf und nutzen die Stimmung: Gemeinderat und Dorfbewohner stemmen sich gegen das Projekt, weil ihnen die Zahl der Neubewohner zu hoch im Vergleich zu den ansässigen Bewohnern erscheint. Dieser Beitrag erschien im Lokalmagazin Bürgerblick Nr. 103/ März.

Günther Sax steht mit Pulli und Daunenjacke in seinem Passauer Sportartikelladen. Kunden, die länger verweilen, reiben sich wegen der Kälte die Hände. Sax hat die Heizung abgestellt, denn es ist ihm zu kostspielig für die kurzen Öffnungszeiten im Winter den großen Raum aufzuheizen. Seine Kleiderständer und Regale füllen das gesamte Untergeschoss des ehemaligen Möbelhauses.

Sax, zerschlissene Jeans, struppige graue Haare, Jahrgang 1968, ist ein anspruchsloser Typ, dann das:  Als „geldgeiler Hund“ hätten ihn die Nachbarn in seinem Heimatdorf Pfenningbach (Gemeinde Neukirchen am Inn) beschimpft.  Den schlimmsten seiner Gegner musste er wegen Körperverletzung anzeigen. Der hat ihn angeschrien „Verschwinde!“ und ihm eine Schaufel auf den Arm geschlagen.  Der Angreifer kam mit einer Geldstrafe davon. „Ich habe verhindert, dass dieser Fall an die Ă–ffentlichkeit kam“, erzählt Sax. Er wollte kein groĂźes Aufheben, denn der Hintergrund war brisant.

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Im großen Gebäudekomplex, umgeben von Einfamilienhäuser, soll die Asylunterkunft entstehen. (Foto: Tobias Köhler)
In Pfenningbach gibt es böses Blut, seit Günther Sax im November 2015 eine Bauvoranfrage an die Gemeinde gestellt hat: Er will die seit einem Jahr leerstehenden 2.000 Quadratmeter seines ehemaligen Sportartikelladens umbauen in eine Gemeinschaftsunterkunft für 150 Asylbewerber. In dem Ortsteil leben 320 Bürger, 8 sind unmittelbare Nachbarn, darunter PNP-Lokalreporter Franz Danninger, der gleichnamige Sohn des 2013 verstorbenen Ehrenbürgers und Altbürgermeisters.

Für Sax ist Danninger die „treibende Kraft“ des Konflikts. „Der ist der Hetzer; der hat das alles eingefädelt; der hat der Gemeinde einen Anwalt aus München beigebracht, damit sie gegen mich vorgehen kann“, schimpft Sax. Seine Stimme wird laut. Er sei kein Mensch, der streiten will, sagt er. Aber jetzt wolle er es ihnen heimzahlen, weil sie ihn "vorgeführt und ausgebremst" haben, mit Presse und Gericht.

Sax ist nach 15 Monaten des Streits als Sieger hervorgegangen.  Er hat die Baugenehmigung in der Tasche. Das Landratsamt hat sich mit ihm auf eine Gemeinschaftsunterkunft mit 102 Bewohnern geeinigt.  Der Mietvertrag mit der Bezirksregierung ist unterschrieben. Dieses Jahr soll der Umbau beginnen. (Nachtrag: Die Gemeinde geht mit weiteren juristischen Schritten gegen die vom Landratsamt erteilte Baugenehmigung vor).

„150 war von Anfang an der Wahnsinn. Die Anwohner sind Sturm gelaufen“, sagt Danninger auf Anfrage. Seine Sätze klingen wie die Ăśberschriften der PNP-Beiträge, aber er ĂĽbte sich korrekt in ZurĂĽckhaltung. Alle Artikel sind offenbar von Kollegen geschrieben worden.  Danninger tritt als Protagonist des Widerstands auf. Er organisierte BĂĽrgertreffen und sorgte fĂĽr medienwirksame Bilder: Einmal protestieren 120 Pfenningbacher vor dem Sax-Gebäude, um die bevorstehende „FlĂĽchtlingsmasse“ zu veranschaulichen. Ein andermal hält Danningers Schwester eine Ortskarte bestickt mit 320 roten und 102 gelben Nadeln in die Kamera. Die gelben Köpfchen geballt in der Mitte markieren die unerwĂĽnschten NeubĂĽrger.

„Allein die Zeitungsgeschichten haben mich 50 Prozent UmsatzeinbuĂźen gekostet“, klagt Sax.  Wohl kein FlĂĽchtlingsheim der Region ist im Vorfeld so oft thematisiert worden: Wer die Stichworte in Google eingibt, stößt auf mehr als ein Dutzend PNP-Artikel.

Der Gemeinderat, an der Spitze CSU-BĂĽrgermeister Wolfgang Lindmeier, hat das seinige dazugetan, dass sich die Baugenehmigung hinzog.  Mal habe der Kanal nicht gepasst, dann die WasseranschlĂĽsse, mal der Stromanschluss oder die Zufahrt, zählt Sax die Schikanen auf. „Obwohl ein Asylant mit Sicherheit kein Auto hat.“

Beim Brandschutz ging die Attacke der Gemeinde nach hinten los: Ein IngenieurbĂĽro deckte auf, dass es in Pfenningbach am erforderlichen Löschwasserdruck mangelt.  Jetzt können sich die BĂĽrger bei Sax bedanken, dass heuer noch ein 100.000-Liter-Löschwasserbehälter installiert wird, der ihre Häuser sicherer macht.

Das böse Blut kocht weiter.  Der Gemeinderat hat beschlossen, gegen die Baugenehmigung beim Verwaltungsgericht Regensburg vorzugehen. Lindmeier nennt als Obergrenze „50 Asylbewerber“.  Auch die acht Anwohner, darunter die Danningers klagen. Letztere befĂĽrchten, dass ihre 50.000 Quadratmeter groĂźe Wiese, zum Baugrund ausgewiesen, durch das FlĂĽchtlingsheim entwertet wĂĽrde.

„Asylflut stoppen auch in Pfenningbach“ steht auf den Netzseiten der rechtsextremen Organisation „Der dritte Weg“. Der Fall liefert den Neonazis Munition. Ihre Kampagne fĂĽr das „Dorf, das ungefragt ĂĽberfremdet“ werde, läuft. Mitglieder verteilten Infoblätter, „wie man ein Asylheim verhindern kann“.  

 
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