Dienstag, 22. August 2017
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Regionales >> Freitag, 11. August 17

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Plattgemacht: Peschl-Areal (Foto: Tobias Köhler)
Wohnbau fĂŒr 4.000 NeubĂŒrger

Wachstum am Limit

Der Passauer Wohnungsbau wĂ€chst rasant. Seit 2010 wurde Wohnraum fĂŒr mindestens 3.000 NeubĂŒrger geschaffen. Billige Zinsen locken Bauspekulanten an. Einer der grĂ¶ĂŸten, der DĂŒsseldorfer Mathias DĂŒsterdick, will am Peschl-Areal Wohnblöcke fĂŒr weitere 1.000 Menschen schaffen. Er schafft Konfliktpotential. (Dieser Beitrag erschien im BĂŒrgerblick Nr. 103, MĂ€rz 2017).

Nachtrag: DĂŒsterdick hat mittlerweile das Projekt auf Eis gelegt, weil er Vorgaben der Stadt, darunter eine Mindestgrenze fĂŒr sozialen Wohnungsbau, nicht anerkennen will. Mittlerweile sind weitere Wohnbauprojekte hinzugekommen.

Die Szene des Ungehorsams sorgte fĂŒr beklemmendes Schweigen. Sie spielte in der Großen Stadtratssitzung und offenbarte, welch tiefe Kluft derzeit zwischen der Stadtverwaltung und dem OberbĂŒrgermeister liegt. Es ging um den ungebremsten Wohnungsbau und einen neuen Investor von außerhalb. In der Fragestunde hatte ein mutiger Stadtrat das Thema aufs Tablett gebracht.

Dupper lehnte sich zurĂŒck in den Sessel, knetete seine HĂ€nde und wartete das Ende von Koopmanns Vortrag ab. „Hast du verstanden, was er gefragt hat?“, beugt er sich zu seinem Pressesprecher.

Matthias Koopmann, ein Stadtrat, der fĂŒr seine barocken Auftritte als StadtfĂŒhrer bekannt ist, hatte in seiner etwas theatralischen Art dem OberbĂŒrgermeister drei unbequeme Fragen gestellt. Es ging um den Investor vom Peschl- Areal, Mathias DĂŒsterdick, der den stĂ€dtischen Gestaltungsbeirat versetzt hatte, weil er sich dessen Kritik offenbar nicht mehr anhören will. Der DĂŒsseldorfer Bauhai will sich bei der Bebauungsdichte keine Obergrenze setzen lassen.

OberbĂŒrgermeister Dupper hatte auf DĂŒsterdicks Dreistigkeit unerwartet reagiert: Er zeigte nicht, wie Verwaltung und Stadtrat sich vielleicht erhofft hĂ€tten, DĂŒsterdick seine Grenzen auf, sondern fiel dem Gestaltungsbeirat, einem vom Stadtrat bestellten Gremium, in den RĂŒcken.

Dupper lehnte sich zurĂŒck in den Sessel, knetete seine HĂ€nde und wartete das Ende von Koopmanns Vortrag ab. „Hast du verstanden, was er gefragt hat?“, beugt er sich zu seinem Pressesprecher. Koopmann hatte sich demonstrativ nicht gesetzt und wartete auf eine Antwort. Der Pressesprecher sagte nichts. Das Schweigen im Raum lastete auf Dupper. Er griff nach dem nĂ€chsten Rettungsanker. „Kannst du die Fragen beantworten, du bist im Thema?“, rief er dem Mann zu, der ganz links am Ende des Tisches saß. Udo Kolbeck, Referent fĂŒr Stadtentwicklung, als solcher zustĂ€ndig fĂŒr DĂŒsterdicks Wohnbauprojekt, zuckte mit den Schultern und ließ Dupper abblitzen. Es folgte wieder langes Schweigen. Kolbecks Ungehorsam zwang Dupper dazu, endlich aufzustehen und zum Fall „DĂŒsterdick“ Stellung zu nehmen. Es gab keine konkreten Antworten, sondern einen nichtssagenden Vortrag mit dem Fazit, er habe sich nichts vorzuwerfen, alles sei korrekt gelaufen.

„Man darf einen Investor nicht schlechter stellen, nur weil er von außen kommt“, rechtfertigt sich Dupper am Rande einer Veranstaltung in der Redoute. 

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Peschl-Areal: Hier sollen neue Wohnblöcke entstehen. (Foto: Tobias Köhler)
Es lĂ€uft nichts korrekt, es lĂ€uft offenbar aus dem Ruder. Als DĂŒsterdick sich das Peschl-Areal unter den Nagel riss, war von 150 Wohneinheiten die Rede. Er hatte das 2.200 Quadratmeter große GelĂ€nde ĂŒberteuert gekauft, um einen lokalen Mitbewerber, Baulöwe Kapfinger, auszustechen. Es war klar: der DĂŒsseldorfer Bauhai suchte schnellen Profit. Möglichst viel WohnflĂ€che auf engem Raum; schnell entwickeln, schnell verkaufen. Irgendwann soll sein Architekt das Modell vorgestellt haben, das DĂŒsterdicks Gier entlarvte: 450 Wohneinheiten. Die drei Architekten vom Gestaltungsbeirat, die dem Wohl der Stadtentwicklung verpflichtet sind, sollen die Obergrenze bei 350 Wohneinheiten gesetzt haben. Das Referat von Udo Kolbeck sieht es wahrscheinlich genauso.  Dupper dagegen lobt jeglichen Wohnungszuwachs als Gewinn fĂŒr die Stadt.

Ein Blick auf die aktuellen Großbaustellen zeigt, dass derzeit Wohnraum fĂŒr rund 1.000 NeubĂŒrger geschaffen wird: von Kapfingers „Innviertel“ in der Innstadt, ĂŒber die acht neuen Wohnblöcke der Familie Albrecht in Kohlbruck, bis hin zum geplanten Wohn - komplex des Busunternehmers Niedermayer im Bahnhofsviertel. DĂŒsterdicks Wohnanlage wĂŒrde diese Zahl verdoppeln, wenn sein Vorschlag genehmigt wird. Mit einer angeblichen Investitionssumme von 90 Millionen Euro ist es das zweitgrĂ¶ĂŸte Bauprojekt nach dem ECE-Center („Stadtgalerie“, 130 Millionen).

„Man darf einen Investor nicht schlechter stellen, nur weil er von außen kommt“, rechtfertigt sich Dupper am Rande einer Veranstaltung in der Redoute. Er deutet an, dass möglicherweise Neid seine Kritiker antreibe. Seine Stadt sollte sich nicht nur von einheimischen Investoren abhĂ€ngig machen.  Viele BĂŒrger und StadtrĂ€te, denen Natur und Stadtbild am Herzen liegen, sind derzeit wegen Duppers Kurs aufgebracht. Die einen, weil er einen profitgierigen Investor bedient, die anderen, weil sie vom Bauboom direkt betroffen sind. Großbaustellen bringen LĂ€rm, Dreck und ErschĂŒtterung. Neubauten nehmen oft die gewohnte Sicht und die Sonne.

„Wenn ich das geahnt hĂ€tte, meinen Wintergarten hĂ€tte ich nicht gebaut“, klagt Ingeborg Huff. Sie steht vor ihrem HĂ€uschen in Kohlbruck, betrachtet verĂ€rgert die Reste einer Ligusterhecke, die ihr Vater gepflanzt hat. Sie ist die Grenze zum NachbargrundstĂŒck. Als auf der anderen Seite noch die Verwandtschaft wohnte, war es per Handschlag vereinbart worden, dass sie sich ausbreiten darf. Man freute sich ĂŒber die Vögel, die in der Hecke ihre Nester bauten. Ein leeres VogelhĂ€uschen ist ein Relikt aus dieser Zeit.

Die neuen Nachbarn sind große Bauherren. Sie haben die HĂ€lfte, die auf ihrer Seite wuchs, absĂ€gen lassen. Der starke Wind, der auf der Anhöhe blĂ€st, weht jetzt den Baustellenstaub noch mehr herĂŒber.  Mit ihrem Schlafzimmer ist die 63-jĂ€hrige AntiquitĂ€tenhĂ€ndlerin im HĂ€uschen umgezogen, damit sie die Baustelle vor dem Fenster nicht mehr sehen muss. In der Zeitung habe sie gelesen, dass eine Frau verklagt worden sei, weil sie eine geschĂŒtzte Hecke entfernt habe. BrutstĂ€tten fĂŒr Vögel seien wichtig.

Im neunten Jahr seiner AmtsfĂŒhrung hat OberbĂŒrgermeister Dupper sein Ziel erreicht: Die Einwohnerzahl von Passau ist wieder ĂŒber die 50.000-Marke geklettert. 

Ingeborg Huff hat die Stadtratssitzung besucht, in welcher ĂŒber das Bauvorhaben in ihrer Nachbarschaft entschieden wurde. OberbĂŒrgermeister Dupper habe das Projekt vorgestellt. „Ich hatte den Eindruck, die StadtrĂ€te haben nicht einmal richtig zugehört“, sagt sie. Um die Belange der Nachbarn habe sich keiner gekĂŒmmert. Dupper, der ihr versprochen hatte, dass er bei ihr mal vorbeischaut und sich ein Bild von der Lage verschafft, sei nie aufgetaucht.

Im neunten Jahr seiner AmtsfĂŒhrung hat OberbĂŒrgermeister Dupper sein Ziel erreicht: Die Einwohnerzahl von Passau ist wieder ĂŒber die 50.000-Marke geklettert. Mit Stand vom 31. Dezember 2015 waren 50.566 gemeldet. Noch vier Jahre zuvor war die offizielle Zahl bei 48.649. Den grĂ¶ĂŸten Zuwachs hatte wohl gebracht, dass die Stadt Anreize schaffte, damit mehr der rund 12.000 Studenten ihren Erstwohnsitz an ihrem Studienort anmeldeten. Ob Passau ĂŒberdimensionierten Wohnungsbau am Peschl- Areal verkraftet, stellen Kritiker infrage. Bei den Studentenzahlen ist der Zenit erreicht.  Die Zahl der Einschreibungen wird nach EinschĂ€tzungen der UniversitĂ€tsleitung in der Zukunft leicht rĂŒcklĂ€ufig sein.  Der Demographiebericht der Bertelsmann-Stiftung beschreibt die Bevölkerungs prognose fĂŒr Passau bis 2030. Der Zuwachs soll demnach bis 2020 steigen, auf bis zu 600 Einwohner pro Jahr, danach rĂŒcklĂ€ufig sein.

„Passau ist ein Markt, der berechenbar ist“, sagt Kapfinger-Sprecher Rudi Ramelsberger. Wachstumstreiber seien in den letzten Jahren die Studenten gewesen. Als großer Arbeitgeber sei das neue GefĂ€ngnis im Stadtwesten in Sicht. Zuzug gibt es auch aus der lĂ€ndlichen Umgebung, vor allem Ă€ltere Ehepaare, die auf dem Land gebaut haben und deren Kinder aus dem Haus sind, wollen den Ruhestand lieber in der Stadt verbringen. „In MĂŒnchen sind 500 Leute in einem Wohnkomplex kein Problem“, sagt Ramelsberger. In Passau seien maximal 150  ĂŒblich. „Ob wir da nicht zu großstĂ€dtisch werden“, spricht er das Peschl-Areal an. Ein mahnender Zeigefinger, der befangen ist.  DĂŒsterdick hatte seinen Chef ausgebootet.  

Von der 1259 gegrĂŒndeten Peschl-Brauerei, gelistet unter den 100 Ă€ltesten deutschen Unternehmen, ist kein Stein stehen geblieben. Die Baugenehmigung hat DĂŒsterdick noch nicht in der Tasche. Historiker wie Koopmann hĂ€tten das alte Pförtner- und das KutscherhĂ€uschen gerne fĂŒr die Nachwelt erhalten. Unter Denkmalschutz standen sie nicht. Gerettet werden konnte lediglich der alte Kastanienbiergarten, weil es StadtrĂ€ten gelungen ist, seinen Rang als Naturdenkmal durchzusetzen. Das Interesse von DĂŒsterdicks „Gerch-Group“ Geschichtliches zu konservieren: offenbar null. Die 450 Wohneinheiten sollen in fĂŒnf- bis sechsstöckigen Blöcken untergebracht werden.  Der Investor will sich an der Höhe der westlich gelegenen Capellaro-HochhĂ€user und an dem mĂ€chtigen Bauvolumen des östlich gelegenen ehemaligen Post- und FernmeldegebĂ€udes orientieren.

Nachtrag: Ein Stadtratsbeschluss hat die Wohneinheiten spÀter auf 350 begrenzt.

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Mathias DĂŒsterdick (Foto: Tobias Köhler)
Mathias DĂŒsterdick, 48 Jahre alt, gebĂŒrtiger Berliner, rĂŒhmt sich auf der Internetseite seines Unternehmens, dass er im Vorjahr das Volumen seiner Projektentwicklungen um 267 Prozent auf 2,3 Milliarden Euro gesteigert habe. Er ist beteiligt an neuen Projekten von MĂŒnchen bis Hamburg. In der Hansestadt entwickelt er zeitgleich zu Passau ein aufgelassenes Brauereiareal, Holsten in Altona. Das GelĂ€nde ist vierzigmal so groß. Wollte er so eng bauen wie in Passau, entstĂŒnden Wohnungen fĂŒr 36.000 Menschen. DĂŒsterdick hat Wohnungen fĂŒr 7.500 BĂŒrger vorgesehen. Selbst diese Bebauungsdichte erregt im zustĂ€ndigen Bezirksamt Diskussionen darĂŒber, ob dies nicht ĂŒberdimensioniert sei. Die Hamburger Stadtverwaltung hat strengere Gesetze fĂŒr Investoren (mindestens ein Drittel sozialer Wohnungsbau), auf dem HolstengelĂ€nde sind HochhĂ€user unerwĂŒnscht. In einem GesprĂ€ch mit einem Reporter des Hamburger Abendblattes bezeichnet sich DĂŒsterdick selbst als „pragmatisch, ehrgeizig und ungeduldig“. Mit 21 Jahren, so erzĂ€hlt er, sei er als Vertriebsleiter zu einer Frankfurter Maklerfirma gegangen. Schnell sei ihm klargeworden, das ist seine Branche. „Hier habe ich den gewissen Nervenkitzel, den ich brauche.“

Gestaltungsbeirat ausgeschaltet
Um die Stadtentwicklung einer der schönsten StĂ€dte Deutschlands fachkundig und beratend zu begleiten, ist vom Stadtrat im Jahr 2000 der Passauer Gestaltungsbeirat eingesetzt worden. Er besteht derzeit aus den Architekten Klaus Leitner („Laskahof “, Linz), Wolfgang Fischer (FH WĂŒrzburg) und Peter Haimerl (Konzerthaus „Blaibach“). Am 10.  Februar haben sich die drei Vertreter wegen des Falls „DĂŒsterdicks“ mit einem Brief an den OberbĂŒrgermeister und alle FraktionsfĂŒhrer gewandt. „Das gegenseitige Vertrauen zur Zusammenarbeit im Interesse von Passau ist erschĂŒttert“, heißt es dort. Man sei „verwundert ĂŒber die Vorgangsweise“, „wohl ĂŒberlegte EinwĂ€nde gegen das Projekt“ seien „vom Tisch gewischt“ worden.

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