Donnerstag, 23. Februar 2017
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Regionales >> Mittwoch, 15. Februar 17

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Die Gerchgroup wirbt für ihr "Peschl-Quartier". (Foto: mediendenk)
Alleingang mit Bauspekulant

Peschl-Areal: OB Duppers Desaster?

Der Passauer OberbĂŒrgermeister greift im Alleingang einem DĂŒsseldorfer Projektentwickler unter die Arme, der auf dem ehemaligen Peschl-Brauereiareal sĂŒdwestlich vom Hauptbahnhof mehrere WohntĂŒrme errichten will. Das Bauvolumen sprengt jeden vernĂŒftigen Rahmen. Warum das Stadtoberhaupt die Bedenken seiner wichtigsten Berater, ja selbst die Warnungen seiner Verwaltungsbeamten ignoriert, gibt vielen StadtrĂ€ten RĂ€tsel auf.

Der Investor bekennt, dass ihm nicht an der Stadtentwicklung, sondern der schnellen Vermarktung gelegen sei. Die "Gerchgroup" hat das GelĂ€nde der ehemaligen Peschlbrauerei teuer gekauft, will dort fĂŒnf- bis sechs Stockwerk hohe Blöcke mit mehr als 450 Wohneinheiten hochziehen. Mit 250 Wohneinheiten hatten die PlanungsgesprĂ€che begonnen, 350 werden von den Fachleuten als Obergrenze betrachtet. Sicher ist: Die "Gerchgroup" wird das Objekt spĂ€testens nach Bauabschluss, vielleicht schon mit der Baureife abstoßen, verkaufen.

Beton-Ghetto statt schöner Wohnen
Die dichte Bebauung lĂ€sst die Betrachter der Modelle befĂŒrchten, dass hier anstelle ansprechender Architektur ein abstoßendes Wohnghetto entsteht. Markante Bestandteile der 1259 gegrĂŒndeten Peschl-Brauerei, gelistet unter den 100 Ă€ltesten deutschen Unternehmen, betrachten Historiker und geschichtsbewusste BĂŒrger als erhaltenswert fĂŒr die Nachwelt; beispielsweise das Pförtner- und KutscherhĂ€uschen, der alte Kastanienbiergarten. Nur fĂŒr Letzteren scheint Rettung in Sicht, weil es StadtrĂ€ten gelungen ist, seinen Rang als Naturdenkmal durchzusetzen. Das Interesse der "Gerchgroup", auf dem GelĂ€nde Geschichte zu bewahren: offenbar null.

Gestaltungsbeirat boykottiert

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Gerchgroup-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Mathias DĂŒsterdick leitet die Verhandlungen in Passau persönlich. (PR-Foto: Gerchgroup)
Es ist zum Eklat gekommen. Die "Gerchgroup", ihre verantwortlichen Inhaber heißen Mathias DĂŒsterdick und Christoph HĂŒttemann, boykottierte ein Gremium, das vom Rathaus installiert worden ist, um die Stadtentwicklung einer der schönsten StĂ€dte Deutschlands fachkundig und beratend zu begleiten: der Passauer Gestaltungsbeirat. Er besteht aus den Architekten Klaus Leitner ("Laskahof", Linz), Wolfgang Fischer (FH WĂŒrzburg) und Peter Haimerl (Konzerthaus "Blaibach"). Dass die Investoren einem Termin mit dem Gestaltungsbeirat fernblieben, war das eine. Dass der OberbĂŒrgermeister diese BrĂŒskierung indirekt förderte, war die schlimmere Ohrfeige fĂŒr dieses Beratergremium und all diejenigen, welche dessen Arbeit fĂŒr gut befunden hatten. Dupper ließ die Vertreter der „Gerchgroup“ in einer nicht-öffentlicher Stadtratssitzung auftreten, um deren Wunsch GenĂŒge zu tun: fortan keine GesprĂ€ch mehr mit dem Gestaltungsbeirat, ausschließlich mit der Politik und der Verwaltung. Bei dieser geheimen Sitzung wurden die Weichen fĂŒr die Bauleitplanung gestellt, die nach Duppers Wunsch und ganz im Sinne der "Gerchgroup" alsbald vollzogen werden soll.

"Vertrauen erschĂŒttert"
Am 10. Februar haben sich die drei Vertreter des Gestaltungsbeirates mit einem Brief an den OberbĂŒrgermeister und alle FraktionsfĂŒhrer gewandt. „Das gegenseitige Vertrauen zur Zusammenarbeit im Interesse von Passau ist erschĂŒttert“, heißt es dort unmissverstĂ€ndlich. Man sei "verwundert ĂŒber die Vorgangsweise", "wohl ĂŒberlegte EinwĂ€nde gegen das Projekt" seien "vom Tisch gewischt" worden.

ZweitgrĂ¶ĂŸtes Projekt nach ECE

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Das Areal der ehemaligen Peschlbrauerei sĂŒdwestlich vom Hauptbahnhof. Hier sollen Wohnblöcke dicht an dicht entstehen. (Foto: mediendenk)
Das Projekt "Peschl-Quartier" liegt zwar nicht im Herzen der Stadt, aber es wĂŒrde weithin sichtbar das Stadtbild prĂ€gen. Es ist, gemessen an der Investitionssumme von 90 Millionen Euro, das zweitgrĂ¶ĂŸte Buavorhaben nach dem ECE-Center ("Stadtgalerie",130 Millionen Euro), entspricht dem Dreifachen des neuen Stadtteilgebietes „Innviertel“ von Baulöwe Kapfinger in der Innstadt (30 Millionen).

Die Stadt sitze am lĂ€ngeren Hebel. „Warum diese UnterwĂŒrfigkeit?“, wundert sich ein Stadtrat. Die „Gerchgroup“ hat das GrundstĂŒck angeblich ĂŒberteuert, jenseits des Bodenrichtwerts, also wahrscheinlich fĂŒr weit ĂŒber 7,5 Millionen Euro gekauft; sie sei zur Verwertung gezwungen, könne es nicht ohne Verlust abstoßen, mĂŒsste also Vorgaben der Stadt notgedrungen hinnehmen.

Selbst StadtrĂ€te, die dem OberbĂŒrgermeister bei diesem Projekt loyal zur Seite standen, Ă€ußern sich jetzt irritiert. Mit einer Einleitung der Bauleitplanung unter Akzeptanz der vorgestellten PlĂ€ne habe er nicht gerechnet, schreibt ein Vertreter der „Freien WĂ€hlergemeinschaft“. Denn der Gestaltungsbeirat habe die „zu massive Bebauung und die mangelhafte EinfĂŒgung in die Umgebung“ kritisiert, er teile die Bedenken wegen der Dichte der Bebauung.

Die Vertreter der „Gerchgroup“ wollen jetzt – am Gestaltungsbeirat vorbei – die einzelnen Fraktionen besuchen und fĂŒr Zustimmung werben.

***

Was treibt ein Stadtoberhaupt an, zum Speichellecker von Investoren zu werden, die der Stadt die Zunge strecken? Es ist bekannt, dass die Pressestelle des Rathauses zurzeit alle Projekte rĂŒhmt, welche die Einwohnerzahl mehren und Wohnraum schaffen. Neue Wohnungen sind zweifellos fĂŒr die Stadtentwicklung wichtig, aber wĂ€re nicht Augenmaß angebracht: QualitĂ€t statt QuantitĂ€t? Sonst könnte es uns mit den WohnflĂ€chen ergehen wie seit fast einem Jahrzehnt bei den GewerbeflĂ€chen: Missstand durch Überfluss, GeisterhĂ€user wie das Nibelungen- und Donau-Center, Leerstand durch Spekulanten wie in der FußgĂ€ngerzone. OberbĂŒrgermeister Dupper lĂ€uft Gefahr, in die Fußstapfen seines CSU-VorgĂ€ngers Albert Zankl zu treten, der Ă€hnlich die Hamburger ECE (Alexander Otto, "Stadtgalerie") in der Neuen Mitte hofierte.

Warum muss sich die Gerchgroup nicht einem stĂ€dtebaulichen Wettbewerb unterwerfen wie in Hamburg? Dort entwickelt sie gerade das 8,6 Hektar große GelĂ€nde der ehemaligen Holstenbrauerei im Stadtteil Altona. Zwölf ArchitekturbĂŒros aus Deutschland, Norwegen und DĂ€nemark wettstreiten um den Siegerentwurf. Ein BĂŒrgerarbeitskreis war vorangegangen, der laut Gerchgroup-Mann DĂŒsterdick seinen Fokus „auf Synergien zwischen der Historie und dem neuen Quartier“ legte. Geschichtsbewusstsein wird offenbar auf dem Holsten-GelĂ€nde (gegrĂŒndet 1879) gepflegt, aber bei Peschl (gegrĂŒndet 1229) pfeift man darauf. In Passau ist die Meinung der BĂŒrger nicht gefragt, selbst das Mitspracherecht eines Expertengremiums wird ausgehebelt. Hamburg zeigt Haltung, Passau gibt den Provinzdeppen. 

hud

 
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