Freitag, 28. April 2017
·
·

Meinung >> Samstag, 21. Januar 17

bild_klein_0000010804.jpg
Wenn die Zeiten gefährlich werden, greifen Redakteure zum Rufzeichen. (Quelle: "Passauer Neue Presse")
Satiriker in Sorge

PNP: GefÀhrliche Ausrufezeichen

Passau/ MĂŒnchen - Karl-Heinz Hasenöhrl, der Satireschreiber der Kolumne "Passauer Tölpel" im Lokalmagazin BĂŒrgerblick, hat seine Entdeckung nach dem FrĂŒhstĂŒck in die Welt posaunt: „Eine neue Dimension des QualitĂ€tsjournalismus in der PNP!!!“ Es geht um eine verstörende Verwendung von Ausrufezeichen in Überschriften. Selbst ohne Ausrufezeichen gelingt es dieser Tageszeitung dort Besorgnis zu erregen, wo sie machmal nicht angebracht ist.

Hasenöhrl entdeckte die PNP-Premiere: Eine NachrichtenĂŒberschrift mit Ausrufezeichen. Über einer Meldung in der Randspalte der Mittwochsausgabe auf Seite 5 steht: „Einige GefĂ€hrder untergetaucht!“ Wollte Autor "ts" Besorgtheit in boulevardesker Bildmanier betonen?

„GefĂ€hrder“ werden neuerdings explizit diejenigen Zuwanderer und Bewohner des Landes genannt, die als islamistische AnhĂ€nger ausgemacht worden sind und nach EinschĂ€tzung der Behörden potentielle AttentĂ€ter sein könnten. Der Nachrichtenhintergrund der Ausrufezeichenmeldung ist dieser: Laut Bundeskriminalamt ist bei 3 der 547 als GefĂ€hrder eingestuften Islamisten derzeit der Aufenthaltsort nicht bekannt.

Statt ein Ausrufezeichen zu setzen, wĂ€re es vielleicht wichtiger gewesen, die Gefahrensituation zu relativieren. Der Nachricht mangelt es bereits in der Überschrift an Genauigkeit: "drei" statt "einige". War "drei" zu wenig besorgniserregend, sollte es nach mehr klingen? Lesen Sie Zahlen und Fakten zum Thema im nĂ€chsten BĂŒrgerblick.

bild_klein_0000010805.jpg
Der Start der Erregungswelle zum angeblichen GefÀhrder-GefÀngnis in Passau. (Quelle: "Passauer Neue Presse")
GefÀhrdergefÀngnis geplant?
Nicht nur unangebrachte Ausrufezeichen, auch mit Eile und Sensationshascherei verbreitete Halbwahrheiten können Leser (darunter Politiker) unnötig beunruhigen. PNP-Chefredakteur Alexander Kain verkĂŒndete exklusiv, dass ein in ferner Zukunft geplanter GefĂ€ngnisneubau in Passau angeblich dem Zweck dienen soll, solche "GefĂ€hrder" zentral unterzubringen. "GefĂ€hrder sollen kĂŒnftig nach Passau", lautete die Titelschlagzeile. Es war die Wiedergabe eines Wunschdenkens bestimmer CSU-Politiker, das teilweise nicht zu Ende gedacht ist, ein "Entwurfspapier".  

Tags darauf korrigierten unter anderem der Bayerische Rundfunk und Justizminister Bausback die irrefĂŒhrende Darstellung. Das laut dem CSU-Papier angedachte GefĂ€hrdergefĂ€ngnis ist in Passau aus verschiedenen GrĂŒnden nicht sinnvoll, ja ĂŒberhaupt nicht umsetzbar: Es bedĂŒrfte eines HochsicherheitsgefĂ€ngnisses, zudem liegt die ZustĂ€ndigkeit fĂŒr die Abwehr von Gefahren des internationalen Terrorismus beim Bund; außerdem sind selbst ungefĂ€hrliche AbschiebehĂ€ftlinge (die nicht nach Österreich, sondern in ihre alte Heimat sollen) in Passau ungĂŒnstig untergebracht, denn die Provinzmetropole liegt fernab der AbschiebeflughĂ€fen Frankfurt und MĂŒnchen.

Die PNP hatte jedenfalls ihre Schlagzeile und Kain die (gewĂŒnschte?) exklusive Erregungswelle. "GefĂ€hrder-JVA in Passau stĂ¶ĂŸt auf Kritik", fĂŒllt das Thema tags darauf erneut die Titelseite. "Klein-Guantanamo in Passau", darf sich im Bayernteil der FlĂŒchtlingsrat erregen. CSU-Landtagspolitiker wie Waschler und Taubeneder eiern herum, dass "nicht nur, aber auch" GefĂ€hrder in der neuen Haftanstalt sicher untergebracht sein könnten. In diesem redaktionellen "GefĂ€hrder"-Beschuss entsteht die GefĂ€hrdermeldung mit dem Ausrufezeichen. Die Bildzeitung lĂ€sst grĂŒĂŸen.

Überbesorgter OberbĂŒrgermeister?
Es folgt der politische Schlagabtausch. OberbĂŒrgermeister JĂŒrgen Dupper tritt ins populistische FettnĂ€pfchen und fordert laut PNP: "Passauer dĂŒrfen nicht durch GefĂ€hrder gefĂ€hrdet werden." Als ob "GefĂ€hrder", die weggesperrt sind, eine Gefahr fĂŒr die Öffentlichkeit wĂ€ren. Sein Parteikollege und Fraktionsvorsitzender Sturm legt tags darauf mit CSU-Kritik in der Tageszeitung nach, als sich der Proteststurm gegen das GefĂ€hrdergefĂ€ngnis mangels Substanz lĂ€ngst gelegt hat. Die lokale CSU wiederum hat nach der Passauer Silvesternacht einen neuen Grund, die SPD-Stadtregierung vorzufĂŒhren: Hier sitzen offenbar die Überbesorgten. Das Thema fĂŒllt die Zeitungsspalten und nĂ€hrt im Netz die KommentarwĂŒtigen.

Sicherheit und StadtgefÀngnis
In Passau gibt es seit 1859 ein StadtgefĂ€ngnis. Es ist heute das einzige GefĂ€ngnis in Bayern, das mitten in der Innenstadt liegt, in der Theresienstraße im Neumarkt. Dort werden vor allem UntersuchungshĂ€ftlinge untergebracht - vom mutmaßlichen Mörder bis zum illegalen GrenzĂŒbertreter. Die Haftanstalt in unmittelbarer Nachbarschaft zu CafĂ©s und Restaurants, zu Friseur- und ModelĂ€den hat die Passauer all die Jahrzehnte offenbar wenig besorgt und es gab auch keinen Anlaß dafĂŒr. 

Geplant ist - nach einem einstimmigen Stadtratsbeschluss vor 20 Jahren -  eine neue Passauer Haftanstalt auf der grĂŒnen Wiese im Stadtwesten, in Königschalding: 400 HĂ€ftlinge, voraussichtlich bezugsfertig 2021, Baukosten anfangs 80 Millionen Euro, jetzt wohl knapp 120 Millionen.

Fakt ist: Die Nachbarn der neuen Haftanstalt in Königschalding dĂŒrfen sich noch sicherer fĂŒhlen als die Bewohner der innerstĂ€dtischen Theresienstraße. Es darf davon ausgegangen werden, dass das neue GefĂ€ngnis moderner und sicherer wird als das 150 Jahre alte StadtgefĂ€ngnis.

 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

Hier Ihre Anzeige?
Kontaktieren Sie uns!

 

Unsere News und Bilder
finden Sie wieder:
 
Tageszeitung

 

Wochenzeitung

 

Illustrierte

 

TV & Radio
ARD
ZDF
Bayerisches Fernsehen
 
Agenturen

 

Ausland

 

Internet
Google
Yahoo
Passau Bilder