Passau/ Freyung - Brombeeren ranken über Schwellen und Gleise. Ihre Blätter sind saftig grün. Eigentlich seltsam – denn nach Ansicht von Dombaumeister Michael Hauck hat genau an dieser Stelle die Ilztalbahn (ITB) den größten Umweltskandal der Region verursacht und 100.000 Quadratmeter Vegetation mit der chemischen Keule vergiftet. "Ein gewaltiger ökologischer Schaden" diktiert Hauck, der im ehemaligen Bahnhofsgebäude von Fürsteneck wohnt, der Heimatzeitung in die Zeilen. Und diese druckt die Vorwürfe brav ab. Hat sich kein Reporter selbst vor Ort im Weiler Voglöd umgeschaut?
Denn dort ergibt sich ein anderes Bild. Ein paar Farne, die am Schotter wuchern, sehen mitgenommen aus. Ob das vom Unkrautvertilgungsmittel auf der Bahnstrecke kommt oder ob der Standort mitten im prallen Sonnenlicht den Schatten liebenden Pflanzen schadet, das müsste ein Botaniker ergründen. Auch auf Haucks Rasen zeigen sich ein paar helle Flecken. Nicht ungewöhnlich nach einer Hitzeperiode.
ITB-Sprecher Hermann Schoyerer sagt, er könne belegen, dass vor Haucks Grundstück kein Herbizid gesprüht wurde. "Die Düsen waren zu". Dafür gebe es Zeugen und ein elektronisches Logbuch, das penibel aufzeichnet, an welchem Streckenabschnitt die Ilztalbahn das Mittel gegen den Pflanzenwuchs einsetzte.
Vor Ort, am Bahngleis in Voglöd ist man sofort geneigt, dem Bahnsprecher zu glauben. Schließlich sprießt nur einen Meter vom Gleis entfernt üppige Vegetation: Ahornschösslinge, Grünzeug, Kraut wuchern saftig. Und selbst auf der Bahnstrecke selbst ist die Vegetation mitnichten von der Giftspritze ausgelöscht worden. Gerade eben, vor einer halben Stunde ist eine Draisine mit einem Mähbalken durchgefahren, ein Rasenmäher auf Schienen. Nur so lässt sich der wuchernden Flora auf der Gleistrasse Herr werden.
Das trügerische Bild vom brauen Busch
Auf halbem Weg zwischen dem alten Bahnhof und dem Bahnübergang fällt ein vertrockneter Strauch ins Auge. Die Zweige ragen direkt aus dem Schotterbett des Bahndamms heraus. Ein Wunder, dass hier überhaupt ein Busch wachsen konnte, kein Wunder allerdings, wenn er im Hochsommer verdorrt.
Doch genau dieser Strauch musste nun schon zum zweiten Mal als Beleg für die Vergiftung des halben Ilztals herhalten. Zum zweiten Mal zeigte die Heimatzeitung ein Bild, auf dem Hauck hinter den braunen Blättern dieses Strauchs posiert. Interessanterweise hielt die Redaktion es auch nicht für nötig, einen eigenen Fotografen nach Fürsteneck zu schicken – sie bezog dieses Foto von einer Thyrnauer Fotoagentur.
Seit Monaten, Jahren wettert Michael Hauck gegen die Reaktivierung der Bahnstrecke Passau-Freyung. Ein an sich legitimes Anliegen, führen die Gleise doch nur wenige Meter an seinem Liegestuhl vorbei. Doch als Hauck hier einzog, wusste er genau, dass die Bahnstrecke offiziell nie aufgelassen war, dass eine Reaktivierung jederzeit möglich ist. Auch wenn er es damals wohl nicht geglaubt hat.
Doch je näher der Tag kommt, an dem nun wieder die ersten Züge rollen sollen, desto wütender und unsachlicher schlägt der Dombaumeister um sich. Mit Bodenproben und anwaltlicher Hilfe will er beweisen, dass die Bahn-Befürworter das Ilztal vergiften und zerstören wollen – zur Erinnerung: Hinter der Ilztalbahn stecken gerade Naturschützer und Bahnfreunde aus dem Umfeld der Grünen.
Die Spritzaktion wiederum war nachweislich genehmigt und professionell durchgeführt. Doch Hauck ist sich nicht zu schade, selbst die fachliche Zuständigkeit der Behörden anzuzweifeln. Und legt sich dabei sogar mit dem Landratsamt an.
Bleibt nur die Frage, warum die Heimatzeitung ihm in diesem Kampf Schützenhilfe leistet, ohne selbst einmal im Ilztal nach dem Rechten zu schauen. Immerhin lässt sie auch die Gegenseite zu Wort kommen – doch das Foto und die Überschrift liegen voll auf Haucks Linie – auch wenn der "Umweltskandal" noch mit einem Fragezeichen gemildert wird.
Blindwütiger Kampf der Bürgermeister
Und dann bleibt noch die Frage, warum die CSU-Bürgermeister der Nachbargemeinden Hutthurm und Röhrnbach sich nicht zu schade sind, sich hinter den unsachlichen und blindwütigen Kampf des Gleisgegners zu stellen. Sicher gibt es auch Argumente gegen die Reaktivierung der Bahnstrecke – aber sollte gerade ein Bürgermeister Auseinandersetzungen nicht doch eher sachlich führen?
In den nächsten Wochen soll die letzte Schadstelle der Ilztalbahn bei Hacklberg geflickt werden. Dann steht nur noch eine Überprüfung der Strecke durch das Eisenbahn-Bundesamt aus. Der Zeitplan hat sich schon häufiger verzögert.
Doch Hauck rennt die Zeit davon. Schon sehr bald könnten die ersten Züge durch das idyllische Flusstal zuckeln. Die Rede ist nicht von einem ICE im Stundentakt, sondern nur von Ausflugszügen mit Menschen, die genau das wollen, was Hauck für sich allein gepachtet zu haben glaubt: Die Schönheit des romantischen Ilztals genießen.
Stephan Lorenz