Hauzenberg/ Landshut - Der Hungerstreik in den niederbayerischen Asylbewerberheimen. Bewegt er uns wirklich? Die Redaktionen haben andere Themen. Haiti öffnet unsere Herzen und die Schweizer Konten unsere Schadenfreude. Was sind da schon ein paar unzufriedene Schwarzafrikaner und Araber in unmittelbarer Nachbarschaft?
Bürgerblick-Reporter Christian Hambrecht hat sich ein Bild gemacht und schildert seine persönlichen Eindrücke.
In der schneebedeckten Idylle Hauzenbergs, mit Blick auf den Staffelberg, zwei schäbig wirkende, längliche Häuser. Die "Gemeinschaftsunterkunft" der Landesregierung Niederbayern. Eintreten darf nur, wer die Genehmigung der Heimleitung hat, steht an der Tür.
Seit über einer Woche hungern sie bereits. Seit knapp zehn Jahren leben hier manche auf engstem Raum – ohne Perspektive, ohne alles. Vier Bewohner in einem Raum von vielleicht zwölf Quadratmetern. Es gibt nur zwei Betten. Die anderen beiden schlafen auf Matratzen, die tagsüber hochgeklappt werden. Lagerkoller. Einer ist in psychotherapeutischer Behandlung.
Acht Personen benutzen eine Toilette. Das Toilettenpapier ist hauchdünn und so schlecht verarbeitet wie wir es von früher aus den Eisenbahnzügen kennen. Die Möbel sind auch schäbig, als Schränke dienen blecherne Spinds wie im Sportheim. Die Sofas sind durchgesessen. Die Verhältnisse sind schlechter als in so manchem Knast. Und sehr beengt. "Wenn einer krank wird, erwischt es alle", sagen sie.
Wer jetzt Winterklamotten beantragt, weil er im August nicht an die Kälte gedacht hat, muss warten. Nächster Ausgabetermin: April. Ein Reporter vom Rundfunk hat diese Debatte zwischen Bewohner und Heimleitung mitgehört.
Ihr Leben ist monoton. Eine Arbeitserlaubnis erhalten sie nicht. Also können sie auch kein eigenes Geld verdienen. Fatal wird es, wenn sie den Landkreis Passau verlassen wollen. Dafür braucht es eine Genehmigung. Zur Genehmigungserteilung muss man nach Passau fahren. Das kostet hin und zurück sechs Euro. Und wenn die Behörden gnädig sind, stellen sie die für eine Woche gültige Genehmigung aus – gegen eine Gebühr von zehn Euro.
Sechszehn Euro also nur für die Genehmigung. Erst dann kann man zum Beispiel mal nach München fahren.
Die Asylanten erhalten vierzig Euro als Lebensunterhalt – monatlich. Wenn sie also die Genehmigung haben und nach München wollen, suchen sie Menschen, die ein Bayernticket haben. Problematisch wird es auf der Rückfahrt. Sie finden niemanden, die Genehmigung läuft ab – sie werden von der Polizei kontrolliert. Diese erteilt ihnen saftige Bußgelder, wenn sie ohne Genehmigung außerhalb ihres Landkreises angetroffen werden. In einem Fall kostete es 465 Euro.
Diese Strafgelder müssen sie dann in Raten von den kärglichen 40 Euro monatlich abstottern. "Alle haben sie hier Schulden", sagt eine Dolmetscherin. Selbst der kongolesische Fußballnationalspieler, der jetzt für den FC Sturm Hauzenberg kickt, muss, wenn er zu einem Auswärtsspiel Hauzenbergs mit will, dieses mühsame und für ihn teure Genehmigungsverfahren durchmachen.
Ihr Essen dürfen sie selber nicht einkaufen. Stattdessen bekommen sie vorgeschrieben, was sie essen sollen. Zweimal die Woche erhalten sie ein Lebensmittelpaket. Die Paketausgabe ist jeweils von 11 Uhr bis 11.30 Uhr. Wer nicht rechtzeitig erscheint, hat Pech gehabt. Dann kriegt er eben kein Essen.
Die Lebensmittel zum Ankreuzen sind immer gleich. Statt Mineralwasser oder billigen Fruchtsaft mal Cola – das gibt es nicht.
Einmal gibt es ein Monatspaket; es enthält Kaffeepulver und Zucker, was sonst nicht dabei ist. Heute haben sie in ihrem Lebensmittelpaket Semmeln erhalten. Das gab es noch nie. Und erstmals Tomaten, die nicht zerquetscht oder faul waren. Es liegt wohl daran, vermuten sie, dass die Regierung sie heute besuchen kommt.
Wenn sie selten einmal mit ihren Familien in der Heimat telefonieren, können die es gar nicht glauben. Deutschland sei doch ein so wohlhabendes und freiheitliches Land. Da gehe es doch jedem gut. Warum sie sich denn so selten melden? Es ist schwierig den Angehörigen und Freunden in Afrika und anderswo zu erklären, dass sie kein Geld haben, um anzurufen.
Almosen wollen sie nicht, sondern Arbeit. Aber die wird ihnen verwehrt. Viel lieber würden sie mit dem selber verdienten Geld einkaufen. Cola zum Beispiel.
Letzte Meldung: Die Regierung von Niederbayern will reagieren und die Bedingungen für die Flüchtlinge verbessern. Zumindest was die Vereinheitlichung von Gebühren für Reisegenehmigungen und beschleunigte Verfahren für die Arbeitserlaubnis anbelangt.
"Die Pressemitteilung der Regierung ist irreführend, es gibt keine wirklich konkreten Zusagen", sagt ein Sprecher von Karawane.