Donnerstag, 27. November 2014
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Regionales >> Sonntag, 13. September 09

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Fotogalerie der Erinnerung in einem Zelt, das damals als Notunterkunft für DDR-Flüchtlinge in Vilshofen diente. Gastwirt Gerhard Meyer und seine Ehefrau Nicole: "Als ob es gestern gewesen wäre". (Photo: Tobias Köhler)
Vor 20 Jahren

Als Niederbayern für DDR-Bürger das Tor zu Freiheit wurde

Passau/ Vilshofen - Es war der Anfang vom Ende eines geteilten Europas. Als am 11. September 1989 Ungarn um Mitternacht seine Grenzen öffnete, brachen Tausende DDR-Flüchtlinge Richtung Bundesrepublik auf. Das "Tor zu Freiheit" wurde die Grenzstadt Passau. Ein Gedenkstein erinnert seit diesem Wochenende an die ersten westdeutschen Aufnahmelager für DDR-Flüchtlinge in Niederbayern.

Enthüllt wurde er bei einem Festakt in Vilshofen mit der bayerischen Ministerin Christine Haderthauer. Ein besonderer Zeitzeuge war als Ehrengast geladen: Der Ost-Berliner Gerhard Meyer, heute 59, der am Tag nach der ungarischen Grenzöffnung als der „schnellste Ossi“ in die Gazetten kam.

In den Tagebüchern der bayerischen Grenzpolizei von Passau ist dieser erste große Flüchtlingstrom zwischen 11. und 15. September dokumentiert: 10.241 Übersiedler wurden registriert, 1.710 kamen mit den Zügen am Hauptbahnhof Passau an, der Rest mit Autos und Bussen an den bayerisch-österreichischen Grenzübergängen Suben und Achleiten.

Die „Nummer 1“ im Zeltlager Vilshofen war Gerhard Meyer, ein Ost-Berliner Kantinenwirt, der mit Frau und zwei Töchtern früh um 3.05 Uhr als Erster den Grenzübergang Suben passierte. Kein Wunder: Er fuhr nicht Trabi, sondern einen vier Jahre alten Toyota Corolla und trat auf der Fahrt durch Österreich das Gaspedal durch.

Nach dem Blitzlichtgewitter am Schlagbaum half ihm ein Reporter mit 50 Mark aus, denn der Sprit hätte bis zum Vilshofener Aufnahmelager nicht mehr gereicht. „99 Pfennig hat der Liter an der Tankstelle in Passau gekostet“, erinnert sich Meyer. Das Passauer Lokalmagazin "Bürgerblick" machte sich auf die Suche nach diesem Zeitzeugen und fand ihn in Tirol.

Gerhard Meyer (59) fährt heute Mercedes und leitet mit seiner Familie am Brenner ein Hotel. "Es ist mein fünfter Neuanfang", erzählt er aus seiner bewegten Vergangenheit. Nach der Ankunft in Bayern eröffnet er im Frankenland das erste Wirtshaus  "Zur deutschen Einheit"; bei der Jahresfeier des Mauerfalls wird seine Frau schwer verletzt, als ein Autofahrer in die Menschenmenge rast; er kehrt zurück nach Berlin und zieht 2002 nach Österreich: eine seiner Töchter hat einen Tiroler geheiratet.

Der Einladung zur Gedenkfeier nach Vilshofen ist der rührige 59-jährige Meyer mit Ehefrau Nicole gerne gefolgt. Als die offiziellen Ansprachen zu Ende sind, hält er eine bewegende Dankesrede, darf sich ins Goldene Buch der Stadt eintragen und Ministerin Haderthauer die Hände schütteln: „Danke, für die große Welle der Hilfsbereitschaft, die wir damals erfahren duften“.

„Wie der Satte vergisst, was Hunger bedeutet, so geht auch das Gefühl für Freiheit verloren“, sagte der Vilshofener Bürgermeister Georg Krenn.

Der Festakt auf dem Platz, wo vor 20 Jahren die erste westdeutsche Zeltstadt für DDR-Flüchtlinge stand, hilft gegen dieses Vergessen. Ein paar Notunterkünfte von damals sind aufgebaut, in den großen Töpfen einer mobilen Küche dampft Gulasch, Politiker geben schwarz-rot-goldene Gutscheine für Freigetränke aus. In einem Zelt am Rathaus erinnert eine Fotoausstellung an die turbulenten Ereignisse jener Tage.

„Es war nur ein Wimpernschlag der Geschichte“, sagte Ministerin Haderthauer. Der historischen Dimension, dass hier europäische Geschichte eingeleitet wurde, war man sich erst später bewusst.

Zeitzeugen, darunter der in Niederbayern lebende Schriftsteller und DDR-Dissident Reiner Kunze, betraten die Bühne. Durch ihre Erzählungen wurden die Ereignisse von damals wieder lebendig. Die Sanitäter, die jeden Neuankömmling nach niederbayerischer Art wie einen guten Freund duzten: „Kimm, jetzt kriagst erst amoi an Kaffee“; der Arzt, der sein ersten DDR-Patienten zu sich nach Hause einlud, damit er nicht im Zelt schlafen muss; die vielen Bürger in den drei Aufnahmelagern Vilshofen, Passau und Tiefenbach, die mit Gastgeschenken warteten, wildfremde Menschen aus dem Osten in die Arme schlossen und mit ihnen weinten.

Die Tränen der Freude über das vereinte Deutschand sind längst getrocknet. Vergessen sind sie offenbar nicht, denn mehr als 500 Menschen sind in dem kleinen Städtchen Vilshofen an der Donau zur Gedenkfeier zusammen gekommen.

"Es gab keine Gebrauchsanleitung für die Wiedervereinigung", wandte sich die Ministerin an Kritiker. In diesen Septembertagen ahnte noch keiner, dass die Mauer fallen würde. Der Empfang der ersten Flüchtlinge wurde getragen vom Gefühl echter Nächstenliebe: Weil die DDR-Bürger auf dem Weg in die Freiheit nichts als ein paar Habseligkeiten mitnehmen konnten, war es ihren westdeutschen Landsleuten Bedürfnis und Freude, sie zu beschenken und ihnen Starthilfe zu geben.

Es war eine unbeschreibliche Welle der Hilfsbereitschaft. Ein Beispiel: Sonderseiten mit 8.000 Stellenangeboten druckte damals die "Passauer Neue Presse".

Nach der Bürgerblick-Lektüre hat Altverlegerin Angelika Diekmann den "schnellen Meyer" spontan zu ihrer Reihe "Menschen in Europa" eingeladen: Am 13. November darf er bei einer Veranstaltung zum Mauerfall dem ehemaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher die Hand schütteln.

 
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