Mittwoch, 23. August 2017
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Zeit-Dossier über ECE: Die Kommunalpolitik gibt ihren Einfluss preis.
Künstliche Einkaufswelten

Armes, kleines Passau: Große Blätter warnen vor ECE

Gehen wir mal davon aus, dass der Passauer Oberbürgermeister nicht zu den Lesern anspruchsvoller Lektüre gehört. Aus Zeitgründen versteht sich. Doch in diesen letzten Oktobertagen seien ihm und seinen Stadtratskollegen ein Beitrag wärmstens ans Herz gelegt, den die renommierte Wochenzeitung Die Zeit veröffentlichte. Sie stellt an den Pranger, wie sich, grob gesagt, der Hamburger Centerbetreiber ECE unsere Städte unter den Nagel reißt und ihre gewachsenen Strukturen zerstört.

Auch die Süddeutsche Zeitung (SZ) hat wenige Tage zuvor das Problem ECE aufgegriffen und das clevere Netzwerk seines Eigentümers Alexander Otto beleuchtet.

Für Passau kommt der große Zeigefinger wohl zu spät. Sieben Spatenstecher von ECE haben den drei Vertretern der Stadt die Schau gestohlen. Der Bürgermeister der Neuen Mitte heißt genau genommen Josef Schüller, der von Otto gesandte ECE-Geburtshelfer. Er darf sein Reich zwischen Bahnhof und Altstadt auf 16.000 Quadratmeter errichten. Da können weder der Bischof mit Kathadrale und Domplatz noch der lokale Multimillionär Kapfinger mit seinem Turm und Kuchenstück von der Neuen Mitte mithalten.

Während die lokale Presse den Passauer Siegeszug des ECE, von verhaltenen kritischen Untertönen abgesehen, feiert, klagt Die Zeit in ihrem Dossier vom 26. Oktober ECE an: „Innenstadt zu verkaufen“ und „Bunte Langeweile“. Die SZ spricht noch krasser von der „Diktatur der Shopping Malls“. Sie thematisiert den Ottokonzern im Oktober übrigens bereits zum vierten Mal.

Stiftung als Feigenblatt

Mit einer Stiftung Lebendige Stadt (gegründet 2000) holt sich der schlaue Otto die ins Boot, die in Wirtschaft und Politik etwas zu sagen haben: Dem Stiftungsrat gehören unter anderem Bayerns Innenminister Günther Beckstein und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck an. Im Stiftungsrat sitzt übrigens auch der Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts GfK Prisma, das Passau als geeigneten Standort für ECE empfahl und so zur Genehmigung beitrug.

Ein „Feigenblatt für Einkaufszentren mit stadtzerstörerischer Wirkung“, geißelt das Forum Passau die ECE-Stiftung in seiner neuesten Ausgabe.

Angriff auf die City

Der Düsseldorfer Städteplaner Walter Brune, der sich auch mit dem ECE-Treiben beschäftigte,  bringt demnächst das Sachbuch Angriff auf die City heraus. Ironisch schreibt er, es sei durchaus verständlich, wenn zum Beispiel ein Unternehmer oder Handwerker, der gleichzeitig im Stadtrat sitzt, sich „gern seine frierenden Hände an einem solchen Großprojekt wärmen möchte.“ Wir wissen: Solche Personen soll es auch in Passau geben. Der Autor will sein Werk als Lektüre an Entscheidungsträger in Städten über 50.000 Einwohner verteilen. Kommt für uns wohl zu spät. 

“Vor der Entscheidung werden alle Positionen, die strategisch wichtig sind, besetzt – der Oberbürgermeister, der Stadtbaurat, die lokale Zeitung“, zitiert Die Zeit Mitherausgeber und ECE-Kritiker Holger Pump-Uhlmann. 

Foto rechts: Die ECE-Funktionäre Josef Schüller (mit Schnauzer) und Christoph Augustin (verdeckt) suchten von Anfang an die wohlwollende Nähe wichtiger Lokaljournalisten, hier bei einer Veranstaltung am 5. Juli 2004 in der Donaupassage neben PNP-Redakteur Christina Karl (links).
Das geplante ECE in Passau wird gerne angepriesen als eine attraktive „überdachte neue Fußgängerzone“. Laut Zeit wird geflissentlich verschwiegen, dass durch ECE den Bürgern städtischer Freiraum genommen wird. „Selbst die hässlichste Zone ist ein städtischer Raum, und das heißt: Hier haben alle Bürger der Stadt dasselbe Recht. Das Einkaufszentrum hingegen ist ein Haus, und dort bestimmt ein Hausherr, der Center-Manager, seinen Regeln hat ein jeder zu gehorchen. So gibt es hier keine politischen Kundgebungen und keine Demonstrationen, niemand, der Unterschriften sammelt. Allen droht Hausverbot, die nicht ins aufgeräumte Weltbild passen: Bettlern oder Skatern oder Straßengauklern oder einfach Menschen, die unter Menschen sein wollen, weil sie einsam sind und der Fernseher sie nicht tröstet.“ Heißt: Wenn der Passauer Center-Manager ein Hausverbot ausspricht, dann gilt das über ein Revier vom Ludwigsplatz bis zum Hauptbahnhof.

ECE ist das Rezept gegen „drohende Verödung der Innenstädte“ wird gerne argumentiert. Laut SZ ist der Niedergang der Innenstädte allerdings nur eine Behauptung und genau das Gegenteil der Fall: „Den Geschäften in den „1a Lagen“ geht es gut. Nur die 1b-Lagen haben teilweise Probleme, für die man Konzepte entwickeln müsste. Aber das kostet Mühe, und die Hilfe der ECE in Form eines fertigen Stücks Innenstadt kostet den Stadtrat nicht einmal einen Anruf – sie kommt von allein.“

H-Milch-Prinzip
Die Zeit deckt auch die Strategie auf, wie ECE den vorhanden Markt an sich reißt. „Wer besonders leistungsfähig ist, heißt im ECE-Jargon „Platzhirsch“ und wird umworben, in das geplante Center einzuziehen, dort einen Zweitstandort einzurichten oder eine Abteilung.“ Die Interessenten in Passau heißen laut Forumszeitung C&A, Douglas, Pimkie, Orsay und Dandy... Fortsetzung folgt. Die Leerstände in den alten Einkaufspassagen und Fußgängerzonen werden schlimmer werden als erwartet.

Laut Zeit baut ECE nach dem „H-Milch-Prinzip": garantiert keimfrei, geschmacksneutral und homogenisiert. Egal in welcher Stadt der Kunde einkaufe, alles sei austauschbar, alles entorte.

Selbst im Stadtblick-Interview, in der Hauszeitung des Oberbürgermeisters, fällt dem großen Otto kein einziges überzeugendes Beispiel ein, womit sein ECE Passau bereichern soll. Er faselt von Brunnen und Blumen, von „lichtdurchfluteter Shopping-Mall“ und zählt alle Branchen und Sortimente auf, die es ringsum ohnehin schon gibt. Wenigstens wissen wir jetzt, dass ECE in der Neuen Mitte eine Kulturmarke setzt - ein neues Buchhaus soll kommen. Moment mal, war da nicht gerade im Kapfingerhochhaus gegenüber eine große Eröffnung?

Ottos scharfen Blick ist auch nicht entgangen, dass in Passau ebenso noch eine „klare Convenience-Orientierung“ fehlt. Der Stadtblick-Leser (und wir) rätseln immer noch, ob man das essen oder anziehen kann. Aber dem Oberbürgermeister hat Otto mit dieser Weisheit sicher imponiert.

Matthias Stadler, Hubert Denk

 
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